13. Dezember

Namenstage :Edburga,Jacqueline,Jobst,Jodok,Jost,Luzia,Lucia,Ottilia und Ottilie.

Ave Maria
(nach Franz Schubert)

Ave Maria, Jungfrau mild!
Erhöre einer Jungfrau Flehen,
Aus diesem Felsen starr und wild
Soll mein Gebet zu dir hin wehen,
Zu dir hin wehen.
Wir schlafen sicher bis zum Morgen,
Ob Menschen noch so grausam sind.
O Jungfrau, sieh der Jungfrau Sorgen.
O Mutter, hör ein bittend Kind!
Ave Maria!

Ave Maria, unbefleckt!
Wenn wir auf diesen Fels hinsinken
zum Schlaf und uns dein Schutz bedeckt,
wird weich der harte Fels uns dünken.
Du lächelst, Rosendüfte wehen
In dieser dumpfen Felsenkluft.
O Mutter, höre Kindes Flehen.
O Jungfrau, eine Jungfrau ruft!
Ave Maria!

Ave Maria, reine Magd!
Der Erde und der Luft Dämonen
von deines Auges Huld verjagt.
Sie können hier nicht bei uns wohnen.
Wir woll'n uns still dem Schicksal beugen,
da uns dein heil´ger Trost anweht.
Der Jungfrau wolle hold dich neigen,
dem Kind, das für den Vater fleht!
Ave Maria!

Die Schöne und das Biest ( M Leprince de Beaumont)

Es war einmal ein Kaufmann, der überaus reich war. Er hatte sechs Kinder: drei Söhne und drei Töchter, und weil dieser Kaumann ein vernünftiger Mann war, so scheute er keine Kosten bei der Erziehung seiner Kinder und hielt ihnen allerlei Lehrmeister. Seine Töchter waren alle sehr schön, vornehmlich aber wurde die jüngste bewundert, und man nannte sie nur, als sie klein war, das schöne Kind. Diesen Namen behielt sie, und das erregte bei ihren Schwestern viel Eifersucht.

Diese jüngste, welche schöner war als ihre Schwestern, war auch besser als sie. Die beiden ältesten besaßen viel Hochmut, weil sie reich waren. Sie spielten die vornehmen Frauen und wollten die Besuche der anderen Kaufmannstöchter nicht annehmen. Sie mußten Standespersonen zu ihrer Gesellschaft haben. Sie gingen alle Tage auf den Ball, in die Komödie, in die Gärten spazieren und hielten sich über ihre jüngste Schwester auf, welche den größten Teil ihrer Zeit auf das Lesen guter Bücher wandte.

Weil man wußte, daß diese Mädchen sehr reich waren, so hielten viele große Kaufleute um sie zur Ehe an. Die beiden ältesten aber antworteten, sie wollten sich nicht verheiraten, sofern sie nicht einen Grafen oder wenigstens einen Baron fänden. Die Schöne (denn ich habe Ihnen schon gesagt, daß die jüngste diesen Namen führte), die Schöne, sagte ich, dankte denjenigen sehr höflich, die sie heiraten wollten, sie sagte aber zu ihnen, sie wäre noch gar zu jung und wünschte, ihrem Vater noch einige Jahre Gesellschaft zu leisten.

Auf einmal kam der Kaufmann um sein Vermögen, und er behielt nichts übrig als ein kleines Landgut, sehr weit von der Stadt. Er sagte unter Tränen zu seinen Kindern, sie müßten auf dieses Gut ziehen, und sie könnten daselbst leben, wenn sie wie die Bauern arbeiteten. Seine beiden ältesten Töchter antworteten: sie wollten die Stadt nicht verlassen, sie hätten viele Liebhaber, die noch gar zu glücklich sein würden, wenn sie sie heirateten, obwohl sie kein Vermögen mehr hätten. Die guten Jungfern betrogen sich. Ihre Liebhaber wollten sie nicht mehr ansehen, als sie arm waren.

Weil ihnen niemand, wegen ihres Stolzes, gut war, so sagte man: "Sie verdienen nicht, daß man sie beklagt; es ist uns sehr lieb, daß man ihren Hochmut gedemütigt sieht; sie mögen nun hingehen und die vornehme Frau spielen, wenn sie die Schafe hüten."

Zu gleicher Zeit aber sagte jedermann: "Was die Schöne betrifft, so geht uns ihr Unglück sehr nahe; sie ist ein gutes Mädchen. Sie sprach mit den armen Leuten sehr gütig, sie war sehr leutselig, sehr höflich. Es fanden sich sogar viele Edelleute, die sie heiraten wollten, obwohl sie keinen Heller besaß. Sie sagte aber zu ihnen, sie könnte sich nicht entschließen, ihren armen Vater in seinem Unglücke zu verlassen, und sie wollte ihm auf das Land folgen, um ihn zu trösten und ihm arbeiten zu helfen."

Die arme Schöne war anfänglich sehr niedergeschlagen darüber gewesen, daß sie ihr Vermögen verloren hatte, sie hatte aber zu sich gesagt: "Wenn ich auch noch so sehr weine, so wird mir das doch nicht mein Gut wieder herbeischaffen. Man muß sich bemühen, ohne Vermögen glücklich zu sein."

Als sie auf ihrem Landgut angekommen waren, so beschäftigten sich der Kaufmann und seine drei Söhne damit, das Feld zu bebauen. Die Schöne stand des Morgens um vier Uhr auf und eilte, das Haus reinzumachen und die Mittagsmahlzeit für die Familie zu bereiten. Es wurde ihr anfangs sehr sauer, denn sie war es nicht gewöhnt, wie eine Magd zu arbeiten. Nach zwei Monaten aber wurde sie stärker, und die Arbeit gab ihr vollkommene Gesundheit. Wenn sie ihre Arbeit getan hatte, so las sie, spielte auf dem Klavier oder sang auch wohl beim Spinnen.

Ihre beiden Schwestern hingegen hätten vor Langeweile fast sterben mögen. Sie standen des Morgens um zehn Uhr auf, gingen den ganzen Tag spazieren und vertrieben sich die Zeit damit, daß sie ihren schönen Kleidern und ihren Gesellschaften nachtrauerten. "Man sehe nur unsere jüngere Schwester", sagten sie zueinander, "sie hat eine niederträchtige Seele und ist so dumm, daß sie mit ihrem unglücklichen Zustande zufrieden ist."

Der wackere Kaufmann dachte nicht so wie seine Töchter. Er wußte, daß die Schöne viel geeigneter war als ihre Schwestern, sich in Gesellschaften zu zeigen. Er bewunderte die Tugend dieser jungen Tochter und vornehmlich ihre Geduld. Denn ihre Schwestern ließen sie nicht bloß alle Hausarbeit ganz allein verrichten, sondern schalten sie auch noch alle Augenblicke.

Diese Familie hatte nun ein Jahr in der Einsamkeit gelebt, als der Kaufmann Briefe erhielt, worinnen man ihm meldete, es wäre ein Schiff, worauf er Waren gehabt hatte, glücklich angekommen. Diese Neuigkeit hätte seinen beiden ältesten Töchtern den Kopf fast verwirrt, weil sie dachten, sie würden endlich das Land wieder verlassen können, wo ihnen Zeit und Weile so lang würden. Als sie ihren Vater zur Abreise fertig sahen, so baten sie ihn, er möge ihnen Röcke, Kleider, Kopfschmuck und allerhand Kleinigkeiten mitbringen. Die Schöne aber bat ihn um nichts, denn sie dachte, alles Geld für die Waren würde nicht reichen, das zu kaufen, was ihre Schwestern wünschten.

"Du bittest mich nicht, daß ich dir etwas kaufen soll?" sagte ihr Vater zu ihr.

"Wenn Sie die Güte haben wollen, an mich zu denken", antwortete sie ihm, "so bitte ich Sie, bringen Sie mir eine Rose mit, denn hier wachsen keine." Die Schöne machte sich nicht eben viel aus Rosen, sie wollte aber nicht durch ihr Beipsiel die Aufführung ihrer Schwestern verdammen, welche gesagt haben würden, es geschähe bloß, sich von ihnen zu unterscheiden, daß sie nichts verlangte.

Der wackere Mann reiste ab. Als er aber angekommen war, so fing man mit ihm einen Prozeß wegen seiner Waren an, und nachdem er viel Mühe gehabt hatte, so reiste er ebenso arm wieder zurück, als er vorher war. Er hatte nicht mehr dreißig Meilen bis nach Hause, und er freute sich schon über das Vergnügen, seine Kinder wiederzusehen. Weil er aber durch einen großen Wald mußte, ehe er nach Hause kommen konnte, so verirrte er sich darin. Es schneite entsetzlich. Der Wind war so stark, daß er ihn zweimal vom Pferde warf, und als ihn die Nacht überfallen hatte, so dachte er, er würde vor Hunger oder Kälte sterben oder von den Wölfen gefressen werden, die er rund um sich herum heulen hörte.

Auf einmal erblickte er, da er umhersah, an dem Ende einer großen Allee von Bäumen ein starkes Licht, welches sehr weit entfernt zu sein schien. Er ritt darauf zu und sah, daß dieses Licht aus einem großen Palaste kam, welcher ganz erleuchtet war. Der Kaufmann dankte Gott für den Beistand, den er ihm schickte, und beeilte sich, an das Schloß zu kommen.

Es nahm ihn aber sehr Wunder, daß er keinen Menschen in den Höfen desselben fand. Sein Pferd, welches ihm folgte, sah einen großen Stall offen und ging hinein. Weil es daselbst Hafer und Heu fand, so fiel das arme Tier, welches vor Hunger fast gestorben war, gierig darüber her. Der Kaufmann band es in dem Stalle an und ging in das Haus, wo er keinen Menschen sah. Als er aber in einen großen Saal kam, so traf er daselbst ein gutes Feuer und eine mit Speisen besetzte Tafel an, die nur für eine Person gedeckt war.

Weil der Regen und der Schnee ihn bis auf die Knochen durchnäßt hatten, so trat er an das Feuer, um sich zu trocknen und sagte zu sich: "Der Herr des Hauses oder seine Bedienten werden mir die Freiheit vezeihen, die ich mir nehme, und ohne Zweifel werden sie bald kommen."

Er wartete eine ziemliche Weile, nachdem es aber elf geschlagen hatte, ohne daß er jemand sah, so konnte er dem Hunger nicht widderstehen und nahm ein junges Huhn, welches er mit zwei Bissen und mit Zittern verzehrte. Er trank auch einige Gläser Wein, und da er dadurch kühner geworden war, so ging er aus dem Saale und durch viele große, möblierte Gemächer. Endlich fand er ein Zimmer, worin ein gutes Bett stand, und weil Mitternacht schon vorbei und er müde war, so hielt er es für das beste, daß er die Tür zuschloß und sich niederlegte.

Es war zehn Uhr morgens, als er am nächsten Tag aufstand, und er wunderte sich sehr, daß er ein sehr sauberes Kleid anstatt des seinigen antraf, welches ganz verdorben war.

"Ganz gewiß gehört dieser Palast", sagte er zu sich, "einer guten Fee, die mit meinem Zustand Erbarmen hat." Er sah aus dem Fenster und sah keinen Schnee mehr, sondern Lauben aus Blumen, die das Auge bezauberten.

Er trat in den großen Saal, wo er am Abend gegessen hatte und sah einen kleinen Tisch, worauf Schokolade stand. "Ich danke Ihnen, gnädige Frau Fee", sagte er ganz laut, "daß Sie die Güte gehabt und an mein Frühstück gedacht haben."

Nachdem der wackere Mann seine Schokolade zu sich genommen hatte, so ging er hinaus und wollte sein Pferd suchen. Als er nun unter einer Laube von Rosen entlangging, so erinnerte er sich, daß ihn die Schöne um eine Rose ersucht hatte, und er brach einen Zweig ab, woran ihrer viele saßen. Da hörte er ein lautes Geräusch und sah ein so entsetzliches Tier auf sich zukommen, daß er beinahe in Ohnmacht gefallen wäre.

"Du bist sehr undankbar", sagte das Tier mit einer fürchterlichen Stimme zu ihm. "Ich habe dir das Leben gerettet, indem ich dich in mein Schloß aufgenommen, und für meine Güte stiehlst du mir meine Rosen, die ich unter allen Dingen in der Welt am allerliebsten habe. Diesen Fehler zu büßen mußt du sterben. Ich gebe dir nur eine Viertelstunde Zeit, damit du Gott um Verzeihung bitten kannst."

Der Kaufmann fiel auf die Knie und sagte mit gefalteten Händen zu dem Tier: "Gnädiger Herr, verzeihen Sie mir, ich wollte Sie nicht beleidigen, als ich eine Rose für eine meiner Töchter abbrach, die mich darum gebeten hat."

"Ich heiße nicht gnädiger Herr", antwortete ihm das Ungeheuer, "sondern Tier. Ich liebe die Komplimente nicht; ich will, daß man sagt, was man denkt. Glaube also nicht, daß du mich durch deine Schmeicheleien rühren wirst. Doch du hast mir gesagt, du hättest Töchter. Ich will dir wohl verzeihen, unter der Bedingung, daß eine von deinen Töchtern freiwillig kommt, um statt deiner zu sterben. Sage mir weiter kein Wort. Reise, und wenn deine Töchter sich weigern, für dich zu sterben, so schwöre, daß du in drei Monaten wiederkommen wirst."

Der gute Mann war nicht willens, eine von seinen Töchtern diesem garstigen Untier aufzuopfern, sondern er dachte: "Ich werde doch wenigstens das Vergnügen haben, sie noch einmal zu umarmen."

Er schwor also, er wollte wiederkommen, und das Tier sagte zu ihm, er könnte abreisen, wenn er wolle. "Allein", setzte es hinzu, "ich will nicht, daß du mit leeren Händen weggehst. Kehre wieder in das Zimmer zurück, wo du geschlafen hast; du wirst daselbst einen großen leeren Koffer finden; in den kannst du alles legen, was dir beliebt; ich will ihn in dein Haus bringen lassen."

Mit diesen Worten zog sich das Tier zurück, und der gute ehrliche Mann sagte su sich: "Wenn ich auch sterben muß, so werde ich doch den Trost haben, daß ich meinen armen Kindern etwas hinterlasse."

Er ging in das Zimmer zurück, wo er geschlafen hatte, und nachdem er daselbst eine große Menge Goldstücke gefunden hatte, so füllte er den großen Koffer damit an, von dem ihm das Tier erzählt hatte. Er schloß ihn zu, und nachdem der sein Pferd wiederhatte, welches er noch in dem Stalle fand, so ging er mit einer Traurigkeit aus dem Palast, die der Freude glich, die er hatte, als er hineingeritten war.

Sein Pferd nahm von selbst einen Weg durch den Wald, und in wenigen Stunden kam der ehrliche Mann in seinem kleinen Haus an. Seine Kinder waren um ihn herum. Allein, anstatt daß er über ihre Liebkosungen hätte vergnügt sein sollen, so fing er an zu weinen, als er sie ansah. Er hielt den Rosenzweig, welchen er der Schönen mitbrachte, in der Hand, gab ihn ihr und sagte: "Da, Schöne, nimm diese Rosen hin, sie werden deinen unglücklichen Vater sehr teuer zu stehen kommen." Und darauf erzählte er seiner Familie die klägliche Begebenheit, die ihm widerfahren war.

Bei dieser Erzählung erhoben seine beiden ältesten Töchter ein großes Geschrei und schimpften und schmähten die Schöne, die nicht weinte. "Da sieht man, was der Hochmut dieser kleinen Kreatur hervorbringt", sagten sie. "Warum verlangte sie keine Kleidung wie wir? Aber nein, Mademoiselle wollte etwas Besonderes haben. Sie wird unserem Vater den Tod bringen und sie weint nicht einmal."

"Das würde sehr unnütz sein", erwiderte die Schöne, "warum sollte ich den Tod meines Vaters beweinen? Er wird nicht umkommen. Weil das Ungeheuer eine von seinen Töchtern annehmen will, so will ich mich allein seinem Zorn überliefern; und ich halte mich für sehr glücklich, weil ich bei meinem Tode die Freude haben werde, meinen Vater zu retten und ihm meine Zärtlichkeit zu beweisen."

"Nein, meine liebe Schwester", sagten ihre drei Brüder zu ihr, "du sollst nicht sterben, wir wollen das Ungeheuer aufsuchen und unter seinen Klauen umkommen, wenn wir es nicht umbringen können."

"Hofft das nicht, meine lieben Kinder", sagte der Kaufmann zu ihnen, "die Macht dieses Tieres ist so groß, daß mir keine Hoffnung übrigbleibt, es zu töten. Ich bin über das gute Herz der Schönen sehr gerührt, ich will sie aber nicht in den Tod geben. Ich bin alt, ich habe nur noch wenig Zeit zu leben: ich werde also bloß einige Jahre von einem Leben verlieren, die ich nur euretwegen bedauere, meine lieben Kinder."

"Ich versichere Sie, mein lieber Vater", sagte die Schöne, "Sie wollen ohne mich nicht nach diesem Palast gehen. Sie können mich nicht abhalten, Ihnen zu folgen. Obwohl ich jung bin, so bin ich dem Leben doch nicht sehr zugetan, und ich will lieber von diesem Ungeheuer aufgefressen werden als von dem Kummer sterben, den mir Ihr Verlust verursachen würde."

Man mochte noch soviel reden, die Schöne wollte durchaus zu dem schönen Palast reisen, und ihre Schwestern waren recht froh darüber, weil die Tugenden dieser jüngsten ihnen viel Eifersucht eingeflößt hatten. Der Kaufmann war von dem Schmerze, seine Tochter zu verlieren, so eingenommen, daß er nicht an den Koffer dachte, welchen er mit Gold angefüllt hatte. Sobald er sich aber in seiner Kammer eingeschlossen hatte und sich niederlegen wollte, so erstaunte er sehr, daß er jenen hinter seinem Bette fand. Er entschloß sich, seinen Kindern nichts davon zu sagen, daß er so reich geworden war, weil seine Töchter gern wieder in die Stadt ziehen wollten, er aber entschlossen war, auf diesem Landgute zu sterben.

Doch vertraute er dieses Geheimnis der Schönen an, als sie ihm meldete, es wären unter seiner Abwesenheit einige Edelleute zu ihnen gekommen, und es befänden sich zwei darunter, die ihre Schwestern liebten. Sie bat ihren Vater, er möchte sie verheirtaten; denn sie war so gut, daß sie dieselben liebhatte und ihnen von ganzem Herzen alles vergab, was sie ihr zuleide getan hatten.

Diese beiden boshaften Töchter rieben sich die Augen mit einer Zwiebel, damit sie weinen konnten, als die Schöne mit ihrem Vater abreiste. Ihre Brüder aber weinten im Ernst, ebenso wie der Kaufmann. Nur die Schöne weinte nicht, weil sie ihren Schmerz nicht vermehren wollte.

Das Pferd nahm den Weg zum Palast, und gegen Abend sahen sie ihn so erleuchtet wie das erste Mal. Das Pferd ging ganz allein in den Stall, und der wackere Mann ging mit seiner Tochter in den großen Saal, wo sie eine prächtig angerichtete Tafel fanden, die für zwei Personen gedeckt war. Der Kaumann konnte nichts essen. Die Schöne aber, die sich zwang, ruhig zu erscheinen, setzte sich zur Tafel und legte ihm vor. Darauf sagte sie zu sich: "Das Tier will mich fett machen, ehe es mich auffrißt, weil es mir so gutes Essen und Trinken gibt."

Als sie gegessen hatten, so hörten sie ein lautes Geräusch, und der Kaufmann nahm unter Tränen von seiner Tochter Abschied, denn er dachte, das Tier käme. Die Schöne konnte sich des Zitterns und Bebens nicht enthalten, als sie diese schreckliche Gestalt sah. Sie faßte sich aber wieder, so gut sie konnte, und als das Ungeheuer sie fragte, ob es aus gutem Herzen geschehen wäre, daß sie hergekommen sei, so sagte sie mit Zittern: "Ja."

"Sie sind sehr gütig", sagte das Tier, "und ich bin Ihnen sehr verbunden. Ihr aber, guter ehrlicher Mann, reist morgen früh, und laßt Euch niemals einfallen, hier wieder herzukommen -- Leben Sie wohl, Schöne."

"Auf Wiedersehen, Tier", antwortete sie, und gleich darauf begab sich das Ungeheuer hinweg.

"Ach, meine liebe Tochter", sagte der Kaufmann, indem er die Schöne umarmte, "ich bin halbtot vor Schrecken. Folge mir, laß mich hierbleiben."

"Nein, mein lieber Vater", sagte die Schöne mit Standhaftigkeit zu ihm, "Sie sollen morgen früh abreisen und mich dem Beistand des Himmels überlassen; vielleicht wird er sich meiner erbarmen."

Sie legten sich nieder und glaubten, sie würden die ganze Nacht nicht schlafen können. Sie waren aber kaum in ihren Betten, so taten sich ihre Augen zu. Die Schöne sah im Schlafe eine Dame, die zu ihr sagte: "Ich bin mit deinem guten Herzen zufrieden, Schöne. Die gute Tat, die du jetzt tust, indem du dein Leben hingibst, um das Leben deines Vaters zu retten, wird nicht ohne Belohnung bleiben."

Die Schöne erzählte beim Aufwachen diesen Traum ihrem Vater; und obwohl er ihn ein wenig tröstete, so hinderte er ihn doch nicht, sehr zu jammern und zu wehklagen, als er sich von seiner geliebten Tochter trennen mußte.

Als er abgereist war, so setzte sich die Schöne in den großen Saal und fing auch an zu weinen. Weil sie aber viel Mut hatte, so empfahl sie sich dem lieben Gott und entschloß sich, sie wollte sich die wenige Zeit die sie noch zu leben hätte, nicht kränken, denn sie glaubte steif und fest, das Tier würde sie abends auffressen.

Sie nahm sich vor, sie wollte unterdessen herumspazieren und dieses schöne Schloß besehen. Sie konnte sich nicht enthalten, die Schönheit desselben zu bewundern. Sie erstaunte aber sehr, als sie eine Tür fand, worüber geschrieben stand: "Zimmer der Schönen." Sie machte die Türe in aller Eile auf und wurde von der Pracht ganz geblendet, die daselbst herrschte. Was ihr aber am meisten in die Augen fiel, war eine große Bibliothek, ein schöner Flügel und viele Notenbücher.

"Man will doch nicht, daß ich Langeweile haben soll", sagte sie leise zu sich, und darauf dachte sie: "Wenn ich nur einen Tag hierbleiben sollte, so würde man nicht soviel für mich angeschafft haben." Dieser Gedanke ermunterte ihren Mut wider. Sie machte den Bücherschrank auf und sah ein Buch, worinnen mit goldenen Buchstaben geschrieben war: "Wünschen Sie! Befehlen Sie! Sie sind hier die Königin und Frau."

"Ach", sagte sie mit Seufzen, "ich wünsche nichts weiter, als daß ich meinen armen Vater wiedersehen und erfahren möge, was er jetzt macht." Sie hatte dieses zu sich gesagt. Wie erstaunte sie aber, als sie ihre Augen auf einen großen Speigel warf und darinnen sein Haus erblickte, woselbst ihr Vater mit einem überaus traurigen Gesicht ankam. Ihre Schwestern gingen ihm entgegen und ungeachtet der Verstellungen ihrer Gebärden, die sie machten, damit sie betrübt scheinen möchten, sah man dennoch die Freude, die sie über den Verlust ihrer Schwester hatten, auf ihrem Gesichte erschienen. Einen Augenblick danach verschwand alles wieder, und die Schöne konnte sich nicht enthalten zu denken, das Tier sei sehr gefällig, und sie habe nichts von ihm zu befürchten.

Zu Mittage fand sie die Tafel gesetzt und die Mahlzeit über hörte sie ein vortreffliches Konzert, wiewohl sie keine Menschenseele sah. Am Abend, als sie sich zur Tafel setzen wollte, hörte sie das Geräusch, welches das Tier machte, und konnte sich des Zitterns und Bebens nicht enthalten.

"Schöne", sagte das Ungeheuer zu ihr, "wollen Sie wohl erlauben, daß ich Sie heute abend speisen sehe?"

"Ihr habt hier zu befehlen", antwortete die Schöne zitternd.

"Nein", erwiderte das Tier, "es hat hier niemand zu befehlen als Sie. Sie brauchen nur zu sagen, ich soll gehen, wenn ich Ihnen unangenehm bin, ich werde sogleich weggehen. Sagen Sie mir, finden Sie mich nicht sehr häßlich?"

"Das ist wahr", sagte die Schöne. "Ich kann nicht lügen, aber ich glaube, Sie sind sehr gut."

"Sie haben recht", antwortete das Ungeheuer, "allein darüber hinaus, daß ich häßlich bin, habe ich auch keinen Geist. Ich weiß wohl, daß ich ein dummes Vieh bin."

"Man ist kein dummes Vieh", erwiderte die Schöne, "wenn man glaubt, daß man keinen Geist hat; ein Tor hat solches niemals gewußt."

"Essen Sie also, Schöne", sagte das Ungeheuer, "und lassen Sie sich die Zeit in Ihrem Hause nicht lang werden, denn alles gehört hier Ihnen, und es würde mich kränken, wenn Sie nicht vergnügt wären."

"Sie haben viel Güte", sagte die Schöne. "Ich gestehe es Ihnen, ich bin mit Ihrem Herzen sehr zufrieden. Wenn ich daran denke, so kommen Sie mir nicht mehr so häßlich vor."

"O warhlich, ja", antwortete das Tier, "ich habe ein gutes Herz, aber ich bin ein Ungeheuer."

"Es gibt viele Menschen,die ärgere Ungeheuer sind als Sie", sagte die Schöne, "und ich will Sie mit Ihrer Gestalt viel lieber haben als diejenigen, welche unter der Menschengestalt ein falsches, verderbtes, undankbares Herz verstecken."

"Wenn ich Geist hätte", antwortete das Tier, "so würde ich Ihnen ein großes Kompliment machen und mich bei Ihnen bedanken; allein, ich bin dumm, und alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, daß ich Ihnen sehr verbunden bin."

Die Schöne speiste nun mit gutem Appetit. Sie hatte fast gar keine Furcht mehr vor dem Ungeheuer. Sie wäre aber bald vor Schrecken gestorben, als es zu ihr sagte: "Schöne, wollen Sie meine Frau werden?"

Sie blieb eine Zeitlang still, ohne zu antworten. Sie fürchtete sich, sie möchte den Zorn des Ungeheuers erregen, wenn sie es abschlüge. Indessen sagte sie doch mit Zittern: "Nein, Tier." In dem Augenblick wollte dieses arme Ungeheuer seufzen und machte ein so entsetzliches Gezische, daß der ganze Palast davon erschallte.

Die Schöne bekam aber bald wieder Mut. Denn das Tier sagte mit Betrübnis zu ihr: "Leben Sie denn wohl, Schöne!" und ging aus dem Zimmer hinaus, wobei es sich von Zeit zu Zeit umkehrte, damit es die Schöne noch einmal ansähe.

Als die Schöne sich allein sah, so empfand sie ein großes Mitleid mit diesem armen Tier. "Ach", sagte sie, "es ist recht schade, daß es so häßlich ist; es ist so gut!"

Die Schöne brachte drei Monate in diesem Palaste ziemlich ruhig zu. Jeden Abend stattete das Tier seinen Besuch bei ihr ab, unterhielt sie bei der Tafel mit viel gesunder Vernunft, aber niemals mit dem, was man in der Welt Geist nennt. Alle Tage entdeckte die Schöne neue Güte an deisem Ungeheuer. Die Gewohnheit, es zu sehen, hatte sie an seine Häßlichkeit gewöhnt, und sie fürchtete den Augenblick seines Besuches gar nicht mehr, sondern sah statt dessen oft auf die Uhr, um zu sehen, ob es noch nicht bald neun wäre. Denn das Tier kam immer zu dieser Stunde. Nur eine einzige Sache machte der Schönen Kummer, nämlich, daß das Ungeheuer jedesmal, bevor es wegging, fragte, ob sie seine Frau werden wollte? und daß es ganz von Schmerz durchdrungen zu sein schien, wenn sie Nein dazu sagte.

Eines Tages sagte sie zu dem Ungeheuer: "Sie kränken mich, Tier. Ich wünschte, ich könnte Sie heiraten, allein, ich bin viel zu aufrichtig, als daß ich Ihnen weismachen wollte, es werde doch einmal geschehen. Ich werde stets Ihre gute Freundin sein. Seien Sie damit immer zufrieden."

"Ich muß wohl", erwiderte das Tier, "denn ich beurteile mich richtig. Ich weiß, daß ich recht abscheulich bin, ich liebe Sie aber sehr. Indessen bin ich dadurch glücklich genug, daß Sie gern hierbleiben wollen. Versprechen Sie mir, daß Sie mich niemals verlassen wollen!"

Die Schöne errötete bei diesen Worten. Sie hatte in ihrem Spiegel gesehen, daß ihr Vater vor Bekümmernis darüber krank war, daß er sie verloren hatte, und sie wünschte sich, ihn wiederzusehen. "Ich könnte es Ihnen wohl versprechen", sagte sie zu dem Tier, "daß ich Sie ganz und gar niemals verlassen wollte, allein, ich habe ein so großes Verlangen, meinen Vater wiederzusehen, daß ich vor Schmerzen sterben würde, wenn Sie mir diese Bitte abschlügen."

"Ich will lieber selbst sterben", sagte dieses Ungeheuer, "als Ihnen Kummer verursachen. Ich will Sie zu Ihrem Vater schicken. Sie werden daselbst bleiben, und Ihr armes Tier wird vor Schmerzen darüber sterben."

"Nein", sagte die Schöne mit Weinen zu ihm, "ich habe Sie viel zu lieb, als daß ich Ihren Tod verursachen wollte. Ich verspreche es Ihnen, ich will in acht Tagen wiederkommen. Sie haben mir gezeigt, daß meine Schwestern verheiratet und daß meine Brüder zu den Soldaten gegangen sind. Mein Vater ist ganz allein; erlauben Sie, daß ich eine Woche bei ihm bleibe."

"Sie sollen morgen früh dasein", sagte das Tier. "Erinnern Sie sich aber Ihres Versprechens. Sie brauchen nur, ehe Sie zu Bett gehen, Ihren Ring auf einen Tisch zu legen, wenn Sie wieder zurückkommen wollen. Leben Sie wohl, Schöne!"

Das Ungeheuer seufzte nach seiner Gewohnheit, als es diese Worte sagte, und die Schöne legte sich ganz traurig darüber nieder, daß sie es so betrübt sah. Als sie am Morgen aufwachte, so befand sie sich im Hause ihres Vaters, und nachdem sie eine Klingel gezogen, die an der Seite ihres Bettes war, so sah sie die Magd kommen, die einen lauten Schrei ausstieß, als sie die Schöne erblickte. Der gute ehrliche Mann kam auf dieses Geschrei herbeigelaufen und wäre vor Freuden fast gestorben, als er seine liebe Tochter wiedersah. Sie hielten sich über eine Viertelstunde lang umarmt.

Die Schöne dachte, nach den ersten Entzückungen, sie hätte keine Kleider anzuziehen, daß sie aufstehen könnte, die Magd aber sagte zu ihr, sie hätte in der benachbarten Kammer einen großen Koffer voller goldener mit Diamanten besetzter Kleider gefunden. Die Schöne dankte dem guten Tier wegen seiner Aufmerksamkeit. Sie nahm dasjenige der Kleider, das am wenigsten kostbar war, und sagte zu der Magd, sie sollte die anderen einschließen, sie wolle ihre Schwestern damit beschenken. Kaum hatte sie aber diese Worte ausgesprochen, so verschwand der Koffer. Ihr Vater sagte zu ihr, das Tier wollte, sie sollte alles das für sich behalten, und sogleich kamen die Kleider und der Koffer wieder zum Vorschein.

Die Schöne kleidete sich an, und währenddessen wurde alles ihren Schwestern berichtet, welche mit ihren Männern herbeieilten. Sie waren alle beide sehr unglücklich.

Die Älteste hatte einen Edelmann geheiratet, der so schön war wie Amor selbst, aber er war in seine eigene Gestalt so verliebt, daß er sich von morgens bis abends nur damit beschäftigte und die Schönheit seiner Frau verachtete.

Die zweite hatte einen Mann geheiratet, der viel Geist besaß; er bediente sich dessen aber nur, alle Welt toll zu machen und seine Frau zu allererst.

Die Schwestern der Schönen wollten vor Ärger fast sterben, als sie sie wie eine Prinzessin gekleidet und schöner als der Tag sahen. Sie mochte sie liebkosen, wie sie wollte; nichts konnte ihre Eifersucht ersticken, welche sehr zunahm, als sie ihnen erzählt hatte, wie glücklich sie wäre.

Diese beiden eifersüchtigen Schwestern gingen in den Garten, um dort zu weinen und sagten zueinander: "Warum ist diese kleine Kreatur glücklicher als wir? Sind wir nicht liebenswürdiger als sie?"

"Meine liebe Schwester", sagte die Älteste, "es fällt mir etwas ein. Wir wollen uns bemühen, sie länger als acht Tage hier zu behalten. Ihr dummes Tier wird darüber in Zorn geraten, daß sie ihr Wort nicht gehalten, und wird sie vielleicht affressen."

"Du hast recht, Schester", antwortete die andere. "Dazu aber müssen wir ihr große Liebkosungen erweisen."

Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatten, so gingen sie wieder hinein und erwiesen ihrer Schwester so viel Freundschaft, daß die Schöne vor Freuden darüber weinte. Als die acht Tage vorbei waren, so rissen sich die beiden Schwestern die Haare aus dem Kopfe und stellten sich über die Abreise so betrübt, daß sie versprach, sie wollte noch acht Tage dableiben.

Aber dann dachte die Schöne an den Kummer, den sie ihrem armen Tier verursachen würde, das sie von ganzem Herzen liebte, und es wurden ihr Zeit und Weile lang, weil sie es nicht mehr sah. In der zehnten Nacht, die sie bei ihrem Vater zubrachte, träumte ihr, sie wäre in dem Garten des Palastes und sähe das Tier auf dem Rasen liegen, das in dem Augenblick sterben wollte und ihre Undankbarkeit beklagte.

Die Schöne wachte darüber auf und vergoß Tränen. "Bin ich nicht recht boshaft", sagte sie, "daß ich einem Tiere Kummer verursache, das so viele Gefälligkeit für mich hat? Ist es seine Schuld, daß es so häßlich ist und so wenig Geist hat? Es ist gut; das ist besser als alles übrige. Warum habe ich das Ungeheuer nicht heiraten wollen? Ich würde mit ihm glücklicher sein als meine Schwestern mit ihren Männern. Weder die Schönheit noch der Witz eines Mannes machen eine Frau vergnügt, dur die Güte seines Gemüts, die Tugend, die Gefälligkeit tun es, und das Tier hat alle diese guten Eigenschaften. Ich liebe es nicht, aber ich habe Hochachtung und Freundschaft für es. Wohlan, ich will es nicht unglücklich machen; ich würde mir meine Undankbarkeit mein ganzes Leben lang vorwerfen."

Bei diesen Worten stand die Schöne auf, legte ihren Ring auf den Tisch und ging wieder zu Bette. Kaum war sie darinnen, so schlief sie ein, und als sie am Morgen aufwachte, so sah sie mit vieler Freude, daß sie wieder in dem Palast des Tiers war. Sie kleidete sich prächtig an, damit sie dem Ungeheuer gefallen möge, und es wurden ihr den ganzen Tag Zeit und Weile bis auf den Tod lang, während sie wartete, daß es neun Uhr abends würde. Allein, es schlug neun, aber das Tier erschien nicht. Die Schöne befürchtete nunmehr, sie hätte seinen Tod verursacht. Sie lief durch den ganzen Palast und erhob ein großes Geschrei; sie war in Verzweiflung.

Nachdem sie das Ungeheuer überall gesucht hatte, erinnerte sie sich ihres Traumes und lief in den Garten, wo sie es im Schlafe gesehen hatte. Sie fand das arme Tier ohne Bewußtsein ausgestreckt liegen und glaubte, es wäre tot. Sie fiel auf dessen Leib, ohne vor seiner Gestalt einen Abscheu zu haben, und als sie fühlte, daß sein Herz noch schlug, so nahm sie Wasser aus dem Graben und schüttete es ihm auf den Kopf. Das Tier schlug die Augen auf und sagte zu ihr: "Sie haben Ihr Versprechen vergessen: der Gram darüber, daß ich Sie verloren hatte, hat mich den Entschluß fassen lassen, mich zu Tode zu hungern. Ich sterbe aber zufrieden, weil ich das Vegnügen habe, Sie noch einmal wiederzusehen."

"Nein, mein liebes Tier, Sie sollen nicht sterben", sagte die Schöne zu ihm, "Sie sollen leben und mein Ehegemahl werden; in diesem Augenblick gebe ich Ihnen meine Hand, und ich schwöre es, ich will nur die Ihrige sein. Ach, ich glaubte, ich hätte bloß Freundschaft für Sie; der Schmerz aber, den ich empfinde, zeigt mir, daß ich nicht würde leben können, wenn ich Sie nicht sähe."

Kaum hatte die Schöne diese Worte ausgesprochen, so sah sie das Schloß im Lichte schimmern; die Feuerwerke, die Musik, alles kündigte ihr ein Fest an. Alle diese Schönheiten aber fesselten ihre Blicke nicht. Sie wandte sich wieder zu ihrem geliebten Tier, um das sie sich ängstigte. Wie groß war aber ihr Erstaunen! Das Tier war verschwunden, und sie sah nur einen Prinzen, schöner als Amor selbst, zu ihen Füßen, welcher ihr dankte, daß sie seine Bezauberung aufgelöst hätte.

Obgleich dieser Prinz alle ihre Achtung verdiente, so konnte sie sich doch nicht enthalten, ihn zu fragen, wo das Tier wäre?

"Sie sehen es hier zu Ihren Füßen", sagte der Prinz zu ihr. "Eine boshafte Fee hatte mich verwünscht, so lange unter dieser Gestalt zu bleiben, bis ein schönes Frauenzimmer sich's gefallen ließe, mich zu heiraten, und sie hat mir verboten, meinen Geist zu zeigen. Es ist also niemand in der Welt so gütig gewesen und hat sich von meinen guten Eigenschaften rühren lassen als Sie, und ich kann mich des Dankes, den ich Ihnen schulde, nicht einmal dadurch entledigen, daß ich Ihnen meine Krone anbiete."

Die Schöne war auf eine angenehme Art erstaunt und reichte dem Prinzen die Hand, um ihn aufzuheben. Sie gingen zusammen auf das Schloß, und die Schöne wäre vor Freude fast gestorben, als sie in dem großen Saale ihren Vater und ihre ganze Familie fand, welche die schöne Dame, die ihr im Traume erschienen war, in das Schloß gebracht hatte.

"Schöne", sagte diese Dame zu ihr, die eine große Fee war, "empfangen Sie die Belohnung Ihrer guten Wahl. Sie haben der Schönheit und dem Geist die Tugend vorgezogen. Sie verdienen, alle diese Eigenschaften in einer und derselben Person vereinigt zu finden. Sie werden eine große Königin werden; ich hoffe, der Thron wird Ihre Tugenden nicht zerstören."

"Was euch aber anbetrifft, ihr beiden Weiber", sagte die Fee zu den beiden Schwestern der Schönen, "so kenne ich euer Herz und alle Bosheit, die es in sich schließt. Werdet zwei Bildsäulen, behaltet aber alle eure Vernunft unter dem Stein, der euch umhüllen wird. Ihr sollt an der Türe des Palastes eurer Schwester stehenbleiben, und ich lege euch keine andere Strafe auf, als daß ihr Zeuginnen ihres Glücks sein sollt. Ihr werdet nicht eher wieder zu eurem vorigen Stande kommen können, als in dem Augenblicke, da ihr eure Fehler erkennen werdet. Ich fürchte, ihr werdet wohl immer Bildsäulen bleiben. Man bessert sich von dem Hochmute, dem Zorne, der Gefräßigkeit und der Trägheit; die Bekehrung eines boshaften und neidischen Herzens aber ist eine Art von Wunder."

In dem Augenblicke tat die Fee einen Schlag mit ihrer Rute, und alle diejenigen, die in dem Saale waren, wurden in das Königreich des Prinzen versetzt. Seine Untertanen sahen ihn mit Freuden, und er vermählte sich mit der Schönen, die mit ihm sehr lange und in vollkommenem Glück lebte, weil es auf die Tugend gegründet war.

Der Räuberbräutigam (Gebrüder Grimm)

Es war einmal ein Müller, der hatte eine schöne Tochter,
und als sie herangewachsen war,
so wünschte er, sie wäre versorgt und gut verheiratet:
er dachte
"Kommt ein ordentlicher Freier und hält um sie an,
so will ich sie ihm geben."
Nicht lange, so kam ein Freier, der schien sehr reich zu sein,
und da der Müller nichts an ihm auszusetzen wußte,
so versprach er ihm seine Tochter.
Das Mädchen aber hatte ihn nicht so recht lieb,
wie eine Braut ihren Bräutigam lieb haben soll,
und hatte kein Vertrauen zu ihm: sooft sie ihn ansah oder an ihn dachte,
fühlte sie ein Grauen in ihrem Herzen.
Einmal sprach er zu ihr
"Du bist meine Braut und besuchst mich nicht einmal."
Das Mädchen antwortete "Ich weiß nicht, wo Euer Haus ist."
Da sprach der Bräutigam "Mein Haus ist draußen im dunkeln Wald."
Es suchte Ausreden und meinte, es könnte den Weg dahin nicht finden.
Der Bräutigam sagte "Künftigen Sonntag mußt du hinaus zu mir kommen,
ich habe die Gäste schon eingeladen,
und damit du den Weg durch den Wald findest,
so will ich dir Asche streuen."
Als der Sonntag kam und das Mädchen sich auf den Weg machen sollte, ward ihm so angst,
es wußte selbst nicht recht, warum,
und damit es den Weg bezeichnen könnte,
steckte es sich beide Taschen voll Erbsen und Linsen.
An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach,
warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde.
Es ging fast den ganzen Tag, bis es mitten in den Wald kam,
wo er am dunkelsten war,
da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht,
denn es sah so finster und unheimlich aus.
Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille.

Plötzlich rief eine Stimme:

"Kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus."
Das Mädchen blickte auf und sah, daß die Stimme von einem Vogel kam,
der da in einem Bauer an der Wand hing. Nochmals rief er:
"Kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus."

Da ging die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere
und ging durch das ganze Haus,
aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden.
Endlich kam sie auch in den Keller,
da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe.
"Könnt Ihr mir nicht sagen," sprach das Mädchen,
"ob mein Bräutigam hier wohnt?'"
"Ach, du armes Kind," antwortete die Alte,
"wo bist du hingeraten! Du bist in einer Mördergrube.
Du meinst, du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht,
aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten.
Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen,
wenn sie dich in ihrer Gewalt haben,
so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit,
kochen dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser.
Wenn ich nicht Mitleid mit dir habe und dich rette, so bist du verloren."
Darauf führte es die Alte hinter ein großes Faß,
wo man es nicht sehen konnte.
"Sei wie ein Mäuschen still," sagte sie,
"rege dich nicht und bewege dich nicht,
sonst ist`s um dich geschehen. Nachts, wenn die Räuber schlafen,
wollen wir entfliehen,
ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet."
Kaum war das geschehen, so kam die gottlose Rotte nach Haus.
Sie brachten eine andere Jungfrau mitgeschleppt,
waren trunken
und hörten nicht auf ihr Schreien und Jammern.
Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser voll, ein Glas weißen,
ein Glas roten und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz.
Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab,
legten sie auf einen Tisch,
zerhackten ihren schönen Leib in Stücke und streuten Salz darüber.
Die arme Braut hinter dem Faß zitterte und bebte,
denn sie sah wohl,
was für ein Schicksal ihr die Räuber zugedacht hatten.
Einer von ihnen bemerkte
an dem kleinen Finger der Gemordeten einen goldenen Ring,
und als er sich nicht gleich abziehen ließ,
so nahm er ein Beil und hackte den Finger ab:
aber der Finger sprang in die Höhe über das Faß hinweg
und fiel der Braut gerade in den Schoß.
Der Räuber nahm ein Licht und wollte ihn suchen,
konnte ihn aber nicht finden.
Da sprach ein anderer:
"Hast du auch schon hinter dem großen Fasse gesucht?"
Aber die Alte rief "Kommt und eßt, und laßt das Suchen bis morgen:
der Finger läuft euch nicht fort."
Da sprachen die Räuber "die Alte hat recht,"
ließen vom Suchen ab,
setzten sich zum Essen,
und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein,
daß sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchten.
Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Faß hervor,
und mußte über die Schlafenden wegschreiten,
die da reihenweise auf der Erde lagen,
und hatte große Angst, sie möchte einen aufwecken.
Aber Gott half ihr, daß sie glücklich durchkam,
die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe,
und sie eilten, so schnell sie konnten, aus der Mördergrube fort.
Die gestreute Asche hatte der Wind weggeweht,
aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt
und waren aufgegangen
und zeigten im Mondschein den Weg.
Sie gingen die ganze Nacht, bis sie morgens in der Mühle ankamen.
Da erzählte das Mädchen seinem Vater alles,
wie es sich zugetragen hatte.
Als der Tag kam, wo die Hochzeit sollte gehalten werden,
erschien der Bräutigam,
der Müller aber hatte alle seine Verwandte und Bekannte einladen lassen.
Wie sie bei Tische saßen, ward einem jeden aufgegeben, etwas zu erzählen.
Die Braut saß still und redete nichts.
Da sprach der Bräutigam zur Braut "Nun, mein Herz, weißt du nichts? erzähl uns auch etwas."
Sie antwortete
"So will ich einen Traum erzählen.
Ich ging allein durch einen Wald und kam endlich zu einem Haus,
da war keine Menschenseele darin,
aber an der Wand war ein Vogel in einem Bauer,
der rief:

"Kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus."

Und rief es noch einmal.
Mein Schatz, das träumte mir nur.
Da ging ich durch alle Stuben, und alle waren leer,
und es war so unheimlich darin;
ich stieg endlich hinab in den Keller, da saß eine steinalte Frau darin,
die wackelte mit dem Kopfe.
Ich fragte sie "Wohnt mein Bräutigam in diesem Haus?"
Sie antwortete:
"Ach, du armes Kind, du bist in eine Mördergrube geraten,
dein Bräutigam wohnt hier, aber er will dich zerhacken und töten,
und will dich dann kochen und essen".
Mein Schatz, das träumte mir nur.
Aber die alte Frau versteckte mich hinter ein großes Faß,
und kaum war ich da verborgen,
so kamen die Räuber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich,
der gaben sie dreierlei Wein zu trinken, weißen, roten und gelben,
davon zersprang ihr das Herz.
Mein Schatz, das träumte mir nur.
Darauf zogen sie ihr die feinen Kleider ab,
zerhackten ihren schönen Leib auf einem Tisch in Stücke
und bestreuten ihn mit Salz.
Mein Schatz, das träumte mir nur.
Und einer von den Räubern sah,
daß an dem Goldfinger noch ein Ring steckte,
und weil er schwer abzuziehen war, so nahm er ein Beil und hieb ihn ab,
aber der Finger sprang in die Höhe
und sprang hinter das große Faß und fiel mir in den Schoß.
Und da ist der Finger mit dem Ring."

Bei diesen Worten zog sie ihn hervor und zeigte ihn den Anwesenden.

Der Räuber, der bei der Erzählung ganz kreideweiß geworden war,
sprang auf und wollte entfliehen,
aber die Gäste hielten ihn fest und überlieferten ihn den Gerichten.
Da ward er und seine ganze Bande für ihre Schandtaten gerichtet.

Der selbstsüchtige Riese (Oscar Wilde)

Wenn die Kinder am Nachmittag aus der Schule kamen,
gingen sie für gewöhnlich in den Garten des Riesen, um dort zu spielen.
Es war ein großer, wunderschöner Garten mit weichem grünen Gras.
Hier und da standen prächtige Blumen sternengleich auf der Wiese,
außerdem zwölf Pfirsichbäume, die im Frühjahr zarte Blüten in rosa und perlweiß hervorbrachten
und im Herbst reiche Frucht trugen. Die Vögel saßen in den Bäumen und sangen so lieblich,
daß die Kinder im Spiel innehielten, um ihnen zuzuhören.
"Wie glücklich sind wir doch hier!",
riefen sie einander zu. Eines Tages kam der Riese zurück.
Er hatte seinen Freund besucht, den Menschenfresser von Cornwall,
und er war sieben Jahre lang bei ihm geblieben.
Nachdem die sieben Jahre vergangen waren,
hatte der Riese all das gesagt, was zu sagen war; seine Gesprächsbereitschaft war nämlich begrenzt,
und so entschied er sich dafür, in sein eigenes Schloss zurückzukehren.
Als er dort ankam, sah er die Kinder in seinem Garten spielen.
"Was macht ihr hier?",
schrie er mit äußerst mürrischer Stimme und die Kinder liefen verängstigt davon.
"Mein eigener Garten ist immer noch mein eigener Garten",
sagte der Riese, "das muss jeder einsehen,
und ich werde niemals jemandem außer mir selbst erlauben, darin zu spielen".
Und so errichtete er eine hohe Mauer rings um den Garten
und stellte ein Warnschild mit den folgenden Worten auf:
"Unbefugten ist der Zutritt bei Strafe verboten!"
Er war wirklich ein sehr selbstsüchtiger Riese.
Die armen Kinder hatten von nun an keinen Ort mehr, wo sie spielen konnten.
Sie versuchten auf der Straße zu spielen, aber diese war sehr staubig und voll mit spitzen Steinen,
und das gefiel den Kindern nicht.
Immer wieder schlenderten sie nach dem Unterricht um die hohe Mauer herum
und sprachen von dem herrlichen Garten, der dahinter verborgen lag. "
Wie glücklich waren wir doch dort", sagten sie zueinander.

Dann kam der Frühling und überall - landauf, landab -
waren kleine Blüten zu sehen, und junge Vögel zwitscherten vergnügt.
Nur im Garten des selbstsüchtigen Riesen war immer noch Winter.
Die Vögel wollten dort nicht singen und die Bäume vergaßen zu blühen,
weil keine Kinder mehr da waren.
Einmal streckte eine wunderschöne Blume ihren Kopf aus dem Gras heraus,
aber als sie das Hinweisschild sah, hatte sie so großes Mitleid mit den Kindern,
daß sie sich sofort wieder in den Boden zum Schlafen zurückzog.
Die einzigen, denen der Garten noch gefiel, waren der Schnee und der Frost.
"Der Frühling hat diesen Garten vergessen", riefen sie erfreut,
"wir werden das ganze Jahr über hier bleiben".
Der Schnee bedeckte das Gras mit seinem dicken weißen Mantel
und der Frost ließ alle Bäume silbern erscheinen.
Dann luden sie den Nordwind ein, ihnen Gesellschaft zu leisten - und er kam.
Er war in warme Felle gehüllt,
brüllte unaufhörlich durch den Garten und blies die Schornsteinbleche hinunter.
"Welch ein herrlicher Platz", schwärmte er,
"wir sollten den Hagel bitten, uns zu besuchen". Und der Hagel kam.
Jeden Tag prasselte er drei Stunden lang auf das Dach des Schlosses,
bis er fast alle Ziegel zerstört hatte, und danach sauste er, so schnell er konnte,
quer durch den Garten. Er war ganz in grau gekleidet und sein Atem war so kalt wie Eis.
"Ich kann nicht verstehen, warum der Frühling in diesem Jahr so spät kommt",
sagte der selbstsüchtige Riese, als er an dem Fenster saß und in seinen kalten weißen Garten blickte;
"ich hoffe, dass sich das Wetter bald ändert".

Aber es kamen weder Frühling noch Sommer.
Der Herbst beschenkte jeden Garten mit goldenen Früchten,
nur den Garten des Riesen sparte er aus.
"Er ist zu selbstsüchtig", sagte der Herbst.
So war anhaltender Winter im Garten; und der Nordwind,
der Hagel, der Frost und der Schnee tanzten im Wechsel zwischen den Bäumen herum.
Eines Morgens lag der Riese wach in seinem Bett, als er eine wunderschöne Musik hörte.
Sie klang so lieblich in seinen Ohren, daß er dachte,
es könnten nur die Musiker des Königs sein, die vorbeizögen.
In Wirklichkeit aber war es nur ein kleiner Hänfling, der draußen vor seinem Fenster sang;
aber es war so lange her, seit er einen Vogel in seinem Garten hatte singen hören,
daß er das Gefühl hatte, die schönste Musik der Welt zu vernehmen.
In diesem Moment hörte der Hagel auf, über seinem Kopf herumzutanzen,
der Nordwind stellte sein Gebrüll ein
und ein köstlicher Duft strömte ihm durch das geöffnete Fenster entgegen.
"Ich glaube, nun kommt der Frühling wohl doch noch", sagte der Riese,
sprang aus dem Bett und guckte nach draußen. Und was sah er da?
Es war der wundervollste Anblick, den man sich denken konnte.
Die Kinder waren durch ein kleines Loch in der Mauer in den Garten gekrochen
und saßen nun auf den Zweigen der Bäume - in jedem Baum, den er sehen konnte, ein kleines Kind.
Und die Bäume waren so froh, die Kinder endlich wieder bei sich zu haben,
daß sie sich mit Blüten schmückten und ihre Zweige gleich schützenden Händen
über den Köpfen der Kinder auf und ab bewegten.
Die Vögel flogen umher und zwitscherten vor Vergnügen
und die Blumen schauten lachend aus dem frischen grünen Gras heraus.
Es war ein anmutiges Bild, nur in einer Ecke des Gartens war noch immer Winter.
Dort, in dem entferntesten Winkel, stand ein kleiner Junge.
Er war so klein, dass er nicht an die Zweige des Baumes heranreichen konnte;
immer wieder ging er um ihn herum und weinte bitterlich.
Der arme Baum war immer noch über und über mit Eis und Schnee bedeckt
und der Nordwind blies und heulte über ihn hinweg.
"Klettere nur hinauf, kleiner Junge!", sagte der Baum freundlich,
und beugte seine Zweige so tief herunter, wie er konnte, aber der Junge war einfach zu klein.
Als der Riese das sah, wurde es ihm ganz warm um das Herz.

"Wie selbstsüchtig bin ich gewesen!", sprach er reumütig zu sich selbst,
"jetzt verstehe ich, warum der Frühling nicht in meinen Garten kommen wollte.
Ich werde den kleinen Jungen auf die Spitze des Baumes setzen und danach die Mauer niederreißen.
Von nun an soll der Garten auf ewig der Spielplatz der Kinder sein".
Er bedauerte aufrichtig, was er getan hatte.
Der Riese schlich nach unten, öffnete ganz leise die Haustür und trat in den Garten.
Aber als die Kinder ihn sahen, hatten sie solche Angst, dass sie alle davonrannten
- und augenblicklich wurde es wieder Winter im Garten.
Nur der kleine Junge lief nicht fort; denn er hatte, da seine Augen ganz mit Tränen gefüllt waren,
den Riesen nicht kommen sehen. Dieser näherte sich dem Jungen ganz vorsichtig von hinten,
nahm ihn sanft in seine Hand und setzte ihn in den Baum.
Unverzüglich erstrahlte der Baum in üppiger Blütenpracht und die Vögel kamen,
setzten sich hinein und sangen; und der kleine Junge streckte seine Arme aus,
schlang sie dem Riesen um den Hals und küsste ihn.
Und als all die anderen Kinder sahen, dass der Riese nicht länger böse war,
kamen sie eilig zurück - und mit ihnen kam der Frühling.
"Von nun an, Kinder, ist dies euer Garten",
sagte der Riese, nahm eine riesige Axt und riss die Mauer nieder.
Und als die Menschen um die Mittagszeit zum Markt gingen,
sahen sie den Riesen mit den Kindern im Garten spielen, dem schönsten Garten,
den sie jemals gesehen hatten.
Sie spielten den ganzen Tag lang, und am Abend gingen sie auf den Riesen zu,
um sich von ihm zu verabschieden.
"Aber wo ist denn euer kleiner Spielgefährte, der Junge, den ich auf den Baum gesetzt habe?",
fragte der Riese. Den kleinen Jungen liebte er nämlich am meisten, weil dieser ihn geküsst hatte.
"Das wissen wir nicht", antworteten die Kinder, "er ist fortgegangen".
"Ihr müsst ihm sagen, dass er morgen unbedingt wiederkommen soll", sagte der Riese.
Aber die Kinder entgegneten, dasß sie nicht wüssten, wo er wohne,
und daß sie ihn auch niemals zuvor gesehen hätten.
Daraufhin wurde der Riese sehr traurig.
Jeden Nachmittag, wenn die Schule zu Ende war,
kamen die Kinder und spielten mit dem Riesen.
Aber den kleinen Jungen,

den der Riese besonders liebte, sah man nie mehr.

Der Riese war sehr freundlich zu all den Kindern
und dennoch blieb in ihm die Sehnsucht nach seinem ersten kleinen Freund;
immer wieder sprach er von dem Jungen.
"Wie gerne würde ich ihn wiedersehen",
pflegte der Riese dann zu sagen. Jahre vergingen und der Riese wurde ganz alt und schwach.
Er konnte nicht mehr im Garten spielen, und so saß er in einem riesigen Lehnstuhl,
sah den Kindern beim Spielen zu und erfreute sich an seinem Garten.
"Ich habe zwar viele herrliche Blumen, aber die Kinder sind die schönsten von allen",
sagte er zu sich selbst. An einem Wintermorgen schaute er, während er sich anzog,
aus dem Fenster. Jetzt haßte er den Winter nicht mehr, denn er wußte,
daß dies nur die Zeit des schlafenden Frühlings und der sich ausruhenden Blumen war.

Plötzlich rieb er sich verwundert die Augen - und schaute und schaute.
Es war in der Tat ein wundervoller Anblick.
In der entlegensten Ecke des Gartens war ein Baum
über und über mit herrlichen weißen Blüten bedeckt.
Seine Zweige waren vergoldet und silberne Früchte hingen von ihnen herab.
Und unter dem Baum stand der kleine Junge, den der Riese so sehr in sein Herz geschlossen hatte. Hocherfreut rannte der Riese nach unten und hinaus in den Garten.
Er hastete über die Wiese und näherte sich dem Kind.
Und als er ganz nah herangekommen war, wurde sein Gesicht rot vor Zorn, und er fragte:
"Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?"
Auf den Handflächen des Kindes waren nämlich die Male von zwei Nägeln zu erkennen,
und die Male von zwei Nägeln waren auch an seinen kleinen Füßen.
"Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?", schrie der Riese noch einmal,
"sag es mir, damit ich mein mächtiges Schwert ziehen und ihn erschlagen kann".
"Nein!", antwortete das Kind, "denn dies sind die Wunden der Liebe".
"Wer bist du?", fragte der Riese; eine seltsame Ehrfurcht überkam ihn
und er kniete vor dem kleinen Jungen nieder.
Daraufhin lächelte das Kind den Riesen an und sagte zu ihm.
"Du hast mich einst in deinem Garten spielen lassen,
heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen - in das Paradies eingehen".
Und als die Kinder an diesem Nachmittag in den Garten gelaufen kamen,
fanden sie den Riesen tot auf -
er lag unter dem Baum und war über und über mit weißen Blüten bedeckt.