16. Dezember

Namenstage : Adelheid,Ado,Albine,Alice,Alicia,Dankrad,Dirk,Elke,Heidi,Noah,Reinhold und Sturmius.

 

Allein Gott in der Höh´ sei Ehr

1. Allein Gott in der Höh´ sei Ehr
und Dank für seine Gnade,
darum, daß nun und nimmermehr
uns rühren kann ein Schade.
Ein Wohlgefalln Gott an uns hat,
nun ist groß Fried ohn Unterlaß,
all Fehd hat nun ein Ende.

2. O Jesu Christ, Sohn eingeborn,
Des allerhöchsten Vaters,
Versöhner derer, die verlorn,
Du Stiller unsers Haders,
Lamm Gottes, heilger Herr und Gott:
nimm an die Bitt aus unsrer Not,
erbarm dich unser aller.

Däumelinchen (Hans Christian Andersen)

Es war einmal eine Frau, die sich sehr nach einem kleinen Kinde sehnte, aber sie wußte nicht, woher sie es nehmen sollte.
Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: "Ich möchte herzlich gern ein kleines Kind haben, willst du mir nicht sagen,
woher ich das bekommen kann?"

"Ja, damit wollen wir schon fertig werden!" sagte die Hexe. "Da hast du ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art,
wie sie auf dem Felde des Landmanns wachsen oder wie sie die Hühner zu fressen bekommen; lege das in einen Blumentopf,
so wirst du etwas zu sehen bekommen!"

"Ich danke dir!" sagte die Frau und gab der Hexe fünf Groschen, ging dann nach Hause, pflanzte das Gerstenkorn,
und sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume; sie sah aus wie eine Tulpe, aber die Blätter schlossen sich fest zusammen,
gerade als ob sie noch in der Knospe wären.

"Das ist eine niedliche Blume!" sagte die Frau und küßte sie auf die roten und gelben Blätter, aber gerade wie sie darauf küßte,
öffnete sich die Blume mit einem Knall. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte,
aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Samengriffel ein ganz kleines Mädchen, fein und niedlich,
es war nicht über einen Daumen breit und lang, deswegen wurde es Däumelinchen genannt.

Eine niedliche, lackierte Walnußschale bekam Däumelinchen zur Wiege, Veilchenblätter waren ihre Matratze und ein Rosenblatt ihr Deckbett.
Da schlief sie bei Nacht, aber am Tage spielte sie auf dem Tisch, wo die Frau einen Teller hingestellt,
um den sie einen ganzen Kranz von Blumen gelegt hatte, deren Stengel im Wasser standen.
Hier schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte Däumelinchen sitzen
und von der einen Seite des Tellers nach der anderen fahren; sie hatte zwei weiße Pferdehaare zum Rudern.
Das sah ganz allerliebst aus. Sie konnte auch singen, und so fein und niedlich, wie man es nie gehört hatte.

Einmal nachts, als sie in ihrem schönen Bette lag, kam eine Kröte durch eine zerbrochene Scheibe des Fensters hereingehüpft.
Die Kröte war häßlich, groß und naß, sie hüpfte gerade auf den Tisch herunter,
auf dem Däumelinche

n lag und unter dem roten Rosenblatt schlief.

"Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!" sagte die Kröte, und da nahm sie die Walnußschale, worin Däumelinchen schlief,
und hüpfte mit ihr durch die zerbrochene Scheibe fort, in den Garten hinunter.

Da floß ein großer, breiter Fluß; aber gerade am Ufer war es sumpfig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne.
Hu, der war häßlich und garstig und glich ganz seiner Mutter. "Koax, koax, brekkerekekex!"
Das war alles, was er sagen konnte, als er das niedliche kleine Mädchen in der Walnußschale erblickte.

"Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!" sagte die alte Kröte. "Sie könnte uns noch entlaufen,
denn sie ist so leicht wie ein Schwanenflaum! Wir wollen sie auf eins der breiten Seerosenblätter in den Fluß hinaussetzen,
das ist für sie, die so leicht und klein ist, gerade wie eine Insel; da kann sie nicht davonlaufen,
während wir die Staatsstube unten unter dem Morast, wo ihr wohnen und hausen sollt, instand setzen."

Draußen in dem Flusse wuchsen viele Seerosen mit den breiten, grünen Blättern, die aussehen,
als schwämmen sie oben auf dem Wasser. Das am weitesten hinausliegende Blatt war auch das allergrößte;
dahin schwamm die alte Kröte und setzte die Walnußschale mit Däumelinchen darauf.

Das kleine Wesen erwachte frühmorgens, und da es sah, wo es war, fing es recht bitterlich an zu weinen;
denn es war Wasser zu allen Seiten des großen, grünen Blattes, und es konnte gar nicht an Land kommen.

Die alte Kröte saß unten im Morast und putzte ihre Stube mit Schilf und gelben Blumen aus -
es sollte da recht hübsch für die neue Schwiegertochter werden. Dann schwamm sie mit dem häßlichen Sohne zu dem Blatte,
wo Däumelinchen stand. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte in das Brautgemach gestellt werden, bevor sie es selbst betrat.
Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: "Hier siehst du meinen Sohn; er wird dein Mann sein,
und ihr werdet recht prächtig unten im Morast wohnen!"

"Koax, koax, brekkerekekex!" war alles, was der Sohn sagen konnte.

Dann nahmen sie das niedliche, kleine Bett und schwammen damit fort; aber Däumelinchen saß ganz allein und weinte auf dem grünen Blatte,
denn sie mochte nicht bei der garstigen Kröte wohnen oder ihren häßlichen Sohn zum Manne haben.
Die kleinen Fische, die unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen, und sie hatten auch gehört, was sie gesagt hatte;
deshalb streckten sie die Köpfe hervor, sie wollten doch das kleine Mädchen sehen. Sie fanden es sehr niedlich und bedauerten,
daß es zur häßlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte nie geschehen!
Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen Stengel, der das Blatt hielt, nagten mit den Zähnen den Stiel ab,
und da schwamm das Blatt den Fluß hinab mit Däumelinchen davon, weit weg,
wo die Kröte sie nicht erreichen konnte.

Däumelinchen segelte an vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen:
"Welch liebliches, kleines Mädchen!" Das Blatt schwamm mit ihr immer weiter und weiter fort; so reiste Däumelinchen außer Landes.

Ein niedlicher, weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich zuletzt auf das Blatt nieder, denn Däumelinchen gefiel ihm.
Sie war sehr erfreut; denn nun konnte die Kröte sie nicht erreichen, und es war so schön, wo sie fuhr; die Sonne schien aufs Wasser,
das wie lauteres Gold glänzte. Sie nahm ihren Gürtel, band das eine Ende um den Schmetterling,
das andere Ende des Bandes befestigte sie am Blatte; das glitt nun viel schneller davon und sie mit, denn sie stand ja darauf.

Da kam ein großer Maikäfer angeflogen, der erblickte sie, schlug augenblicklich seine Klauen um ihren schlanken Leib
und flog mit ihr auf einen Baum. Das grüne Blatt schwamm den Fluß hinab und der Schmetterling mit,
denn er war an das Blatt gebunden und konnte nicht loskommen.

Wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog!
Aber hauptsächlich war sie des schönen, weißen Schmetterlings wegen betrübt, den sie an das Blatt festgebunden hatte.
Wenn er sich nicht befreien konnte, mußte er ja verhungern! Darum kümmerte sich der Maikäfer nicht.
Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und sagte, daß sie niedlich sei,
obgleich sie einem Maikäfer durchaus nicht gleiche. Später kamen alle die anderen Maikäfer, die im Baume wohnten, und besuchten sie;
sie betrachteten Däumelinchen, und die Maikäferfräulein rümpften die Fühlhörner und sagten: "Sie hat doch nicht mehr als zwei Beine;
das sieht erbärmlich aus." - "Sie hat keine Fühlhörner!" sagte eine andere. "Sie ist so schlank in der Mitte; pfui, sie sieht wie ein Mensch aus!
Wie häßlich sie ist!" sagten alle Maikäferinnen, und doch war Däumelinchen so niedlich.
Das erkannte auch der Maikäfer, der sie geraubt hatte, aber als alle anderen sagten, sie sei häßlich,
so glaubte er es zuletzt auch und wollte sie gar nicht haben; sie konnte gehen, wohin sie wollte.
Sie flogen mit ihr den Baum hinab und setzten sie auf ein Gänseblümchen; da weinte sie, weil sie so häßlich sei,
daß die Maikäfer sie nicht haben wollten, und doch war sie das Lieblichste, das man sich denken konnte,
so fein und klar wie das schönste Rosenblatt.  Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen ganz allein in dem großen Walde.
Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem Klettenblatte auf, so war sie vor dem Regen geschätzt,
sie pflückte das Süße der Blumen zur Speise und trank vom Tau, der jeden Morgen auf den Blättern lag.
So vergingen Sommer und Herbst. Aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die so schön vor ihr gesungen hatten,
flogen davon, Bäume und Blumen verdorrten; das große Klettenblatt, unter dem sie gewohnt hatte, schrumpfte zusammen,
und es blieb nichts als ein gelber, verwelkter Stengel zurück. Däumelinchen fror schrecklich, denn ihre Kleider waren entzwei,
und sie war selbst so fein und klein, sie mußte erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war,
als wenn man auf uns eine ganze Schaufel voll wirft, denn wir sind groß, und sie war nur einen halben Finger lang.
Da hüllte sie sich in ein verdorrtes Blatt ein, aber das wollte nicht wärmen; sie zitterte vor Kälte.

Dicht vor dem Walde, wohin sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld. Das Korn war schon lange abgeschnitten,
nur die nackten, trockenen Stoppeln standen aus der gefrorenen Erde hervor. Sie waren gerade wie ein ganzer Wald für sie zu durchwandern,
und sie zitterte vor Kälte! Da gelangte sie vor die Tür der Feldmaus, die ein kleines Loch unter den Kornstoppeln hatte.
Da wohnte die Feldmaus warm und gut, hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und Speisekammer.
Das arme Däumelinchen stellte sich in die Tür, gerade wie jedes andere arme Bettelmädchen,
und bat um ein kleines Stück von einem Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das mindeste zu essen gehabt.

"Du kleines Wesen!" sagte die Feldmaus, denn im Grunde war es eine gute alte Feldmaus,
"komm herein in meine warme Stube und iß mit mir!"

Da ihr nun Däumelinchen gefiel, sagte sie: "Du kannst den Winter über bei mir bleiben, aber du mußt meine Stube sauber
und rein halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr." Däumelinchen tat, was die gute alte Feldmaus verlangte,
und hatte es über die lange Winterzeit hinweg außerordentlich gut.

"Nun werden wir bald Besuch erhalten!" sagte die Feldmaus. "Mein Nachbar pflegt mich wöchentlich einmal zu besuchen.
Er steht sich noch besser als ich, hat große Säle und trägt einen schönen, schwarzen Samtpelz!
Wenn du den zum Manne bekommen könntest, so wärest du gut versorgt; aber er kann nicht sehen.
Du mußt ihm, wenn er unser Gast ist, die niedlichsten Geschichten erzählen, die du weißt!"

Aber darum kümmerte sich Däumelinchen nicht, sie mochte den Nachbar gar nicht haben, denn er war ein Maulwurf.

Er kam und stattete den Besuch in seinem schwarzen Samtpelz ab. Er sei reich und gelehrt, sägte die Feldmaus;
seine Wohnung war auch zwanzigmal größer als die der Feldmaus. Gelehrsamkeit besaß er,
aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er gar nicht leiden, von beiden sprach er schlecht, denn er hatte sie noch nie gesehen.

Däumelinchen mußte singen, und sie sang:
"Maikäfer flieg!"
und: "Wer will unter die Soldaten".

Da wurde der Maulwurf der schönen Stimme wegen in sie verliebt, aber er sagte nichts, er war ein besonnener Mann.

Er hatte sich vor kurzem einen langen Gang durch die Erde von seinem bis zu ihrem Hause gegraben;
in diesem erhielten die Feldmaus und Däumelinchen die Erlaubnis, zu spazieren, soviel sie wollten.
Aber er bat sie, sich nicht vor dem toten Vogel zu fürchten, der in dem Gange liege. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel,
der sicher erst kürzlich gestorben und nun begraben war, gerade da, wo er seinen Gang gemacht hatte.

Der Maulwurf nahm nun ein Stück faules Holz ins Maul, denn das schimmert ja wie Feuer im Dunkeln,
ging voran und leuchtete ihnen in dem langen, dunklen Gange. Als sie dahin kamen, wo der tote Vogel lag,
stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde auf,
so daß es ein großes Loch gab und das Licht hindurchscheinen konnte. Mitten auf dem Fußboden lag eine tote Schwalbe,
die schönen Flügel fest an die Seite gedrückt, die Füße und den Kopf unter die Federn gezogen;
der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben.
Das tat Däumelinchen leid, sie hielt viel von allen kleinen Vögeln, sie hatten ja den ganzen Sommer so schön vor ihr gesungen und gezwitschert. Aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen kurzen Beinen und sagte:
"Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden!
Gott sei Dank, daß keins von meinen Kindern das wird; ein solcher Vogel hat ja außer seinem Quivit nichts und muß im Winter verhungern!"

"Ja, das mögt Ihr als vernünftiger Mann wohl sagen", erwiderte die Feldmaus. "Was hat der Vogel für all sein Quivit, wenn der Winter kommt?
Er muß hungern und frieren; doch das soll wohl ganz besonders vornehm sein!"

Däumelinchen sagte gar nichts; aber als die beiden andern dem Vogel den Rücken wandten, neigte sie sich herab, schob die Federn beiseite,
die den Kopf bedeckten, und küßte ihn auf die geschlossenen Augen.

'Vielleicht war er es, der so hübsch vor mir im Sommer sang', dachte sie. 'Wieviel Freude hat er mir nicht gemacht, der liebe, schöne Vogel'

Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch das der Tag hereinschien, und begleitete dann die Damen nach Hause. Aber nachts konnte Däumelinchen gar nicht schlafen. Da stand sie von ihrem Bette auf und flocht von Heu einen großen, schönen Teppich.
Den trug sie zu dem Vogel, breitete ihn über ihn und legte weiche Baumwolle, die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, an seine Seiten, damit er in der kalten Erde warm liegen möge.

"Lebe wohl, du schöner, kleiner Vogel!" sagte sie. "Lebe wohl und habe Dank für deinen herrlichen Gesang im Sommer,
als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns herabschien!" Dann legte sie ihr Haupt an des Vogels Brust, erschrak aber zugleich,
denn es war gerade, als ob drinnen etwas klopfte. Das war des Vogels Herz. Der Vogel war nicht tot, er lag nur betäubt da, war nun erwärmt worden und bekam wieder Leben.

Im Herbst fliegen alle Schwalben nach den warmen Ländern fort; aber ist da eine, die sich verspätet, so friert sie so,
daß sie wie tot niederfällt und liegen bleibt, wo sie hinfällt. Und der kalte Schnee bedeckt sie.

Däumelinchen zitterte heftig, so war sie erschrocken, denn der Vogel war ja groß, sehr groß gegen sie; aber sie faßte doch Mut,
legte die Baumwolle dichter um die arme Schwalbe und holte ein Krauseminzeblatt, das sie selbst zum Deckblatt gehabt hatte,
und legte es ganz behutsam über den Kopf des Vogels.

In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm, und da war er nun lebendig, aber ganz matt.
Er konnte nur einen Augenblick seine Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulen Holzes in der Hand,
denn eine andere Laterne hatte sie nicht, vor ihm stand.

"Ich danke dir, du niedliches, kleines Kind!" sagte die kranke Schwalbe zu ihr. "Ich bin herrlich erwärmt worden;
bald erhalte ich meine Kräfte zurück und kann dann wieder draußen in dem warmen Sonnenschein herumfliegen!"

"Oh", sagte Däumelinchen, "es ist kalt draußen, es schneit und friert! Bleib in deinem warmen Bette, ich werde dich schon pflegen!"

Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatt, und diese trank und erzählte ihr,
wie sie ihren einen Flügel an einem Dornbusch gerissen und deshalb nicht so schnell habe fliegen können wie die andern Schwalben,
die fortgezogen seien, weit fort nach den warmen Ländern. So sei sie zuletzt zur Erde gef allen. Mehr wußte sie nicht, und auch nicht, wie sie hierhergekommen war.

Den ganzen Winter blieb sie nun da unten, Däumelinchen pflegte sie und hatte sie lieb,
weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn sie mochten die arme Schwalbe nicht leiden.

Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe Däumelinchen, die das Loch öffnete,
das der Maulwurf oben gemacht hatte, Lebewohl. Die Sonne schien herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe fragte,
ob sie mitkommen wolle, sie könnte auf ihrem Rücken sitzen, sie wollten weit in den grünen Wald hineinfliegen.
Aber Däumelinchen wußte, daß es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie sie verließ.

"Nein, ich kann nicht!" sagte Däumelinchen.

"Lebe wohl, lebe wohl, du gutes, niedliches Mädchen!" sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach,
und das Wasser trat ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe von Herzen gut.  "Quivit, quivit!" sang der Vogel und flog in den grünen Wald. Däumelinchen war recht betrübt. Sie erhielt gar keine Erlaubnis,
in den warmen Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, das auf dem Felde über dem Hause der Feldmaus gesät war,
wuchs auch hoch in die Luft empor; das war ein ganz dichter Wald für das arme, kleine Mädchen.

"Nun sollst du im Sommer deine Aussteuer nähen!" sagte die Feldmaus zu ihr; denn der Nachbar,
der langweilige Maulwurf in dem schwarzen Samtpelze, hatte um sie gefreit. "Du mußt sowohl Wollen- wie Leinenzeug haben,
denn es darf dir an nichts fehlen, wenn du des Maulwurfs Frau wirst!"

Däumelinchen mußte auf der Spindel spinnen, und die Feldmaus mietete vier Raupen, die Tag und Nacht für sie webten.
Jeden Abend besuchte sie der Maulwurf und sprach dann immer davon, daß, wenn der Sommer zu Ende gehe,
die Sonne lange nicht so warm scheinen werde, sie brenne da jetzt die Erde fest wie einen Stein; ja, wenn der Sommer vorbei sei,
dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit halten. Aber sie war gar nicht erfreut darüber, denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Tür hinaus,
und wenn dann der Wind die Kornähren trennte, so daß sie den blauen Himmel erblicken konnte,
dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wünschte sehnlichste die liebe Schwalbe wiederzusehen.

Aber die kam nicht wieder; sie war gewiß weit weg in den schönen grünen Wald gezogen.

Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen ihre ganze Aussteuer fertig.

"In vier Wochen sollst du Hochzeit halten!" sagte die Feldmaus. Aber Däumelinchen weinte und sagte,
sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.

"Schnickschnack!" sagte die Feldmaus. "Werde nicht widerspenstig, denn sonst werde ich dich mit meinen weißen Zähnen beißen!
Es ist ja ein schöner Mann, den du bekommst, und das darfst du nicht vergessen. Die Königin selbst hat keinen solchen schwarzen Samtpelz!
Er hat Küche und Keller voll. Danke du Gott für ihn!"

Nun sollten sie Hochzeit haben. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde,
nie an die warme Sonne herauskommen, denn die mochte er nicht leiden.
Das arme Kind war sehr betrübt; sie sollte nun der schönen Sonne Lebewohl sagen,
die sie doch bei der Feldmaus hatte von der Türe aus sehen dürfen.

"Lebe wohl, du helle Sonne!" sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging auch eine kleine Strecke weiter vor dem Hause der Feldmaus;
denn nun war das Korn geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln.
"Lebe wohl, lebe wohl!" sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine rote Blume, die da stand. "Grüße die kleine Schwalbe von mir,
wenn du sie zu sehen bekommst!"

"Quivit, quivit!" ertönte es plötzlich über ihrem Kopfe, sie sah empor, es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam.
Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr erfreut; diese erzählte ihr, wie ungern sie den häßlichen Maulwurf zum Manne haben wolle
und daß sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wo nie die Sonne scheine. Sie konnte sich nicht enthalten, dabei zu weinen.

"Nun kommt der kalte Winter", sagte die kleine Schwalbe; " ich fliege weit fort nach den warmen Ländern, willst du mit mir kommen?
Du kannst auf meinem Rücken sitzen! Binde dich nur mit deinem Gürtel fest, dann fliegen wir von dem häßlichen Maulwurf
und seiner dunkeln Stube fort, weit über die Berge, nach den warmen Ländern, wo die Sonne schöner scheint als hier,
wo es immer Sommer ist und herrliche Blumen gibt. Fliege nur mit, du liebes, kleines Däumelinchen, die mein Leben gerettet hat,
als ich wie tot in dem dunkeln Erdkeller lag!"

"Ja, ich werde mit dir kommen!" sagte Däumelinchen und setzte sich auf des Vogels Rücken, mit den Füßen auf seinen entfalteten Schwingen.
Sie band ihren Gürtel an einer der stärksten Federn fest, und da flog die Schwalbe hoch in die Luft hinauf, über Wald und über See,
hoch über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Däumelinchen fror in der kalten Luft,
aber darin verkroch sie sich unter des Vogels warme Federn und streckte nur den kleinen Kopf hervor,
um all die Schönheiten unter sich zu bewundern.

Da kamen sie denn nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit klarer als hier, der Himmel war zweimal so hoch,
und an Gräben und Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben. In den Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen,
hier duftete es von Myrten und Krauseminze, auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen, bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter fort, und es wurde schöner und schöner.
Unter den herrlichsten grünen Bäumen an dem blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloß aus alten Zeiten.
Weinreben rankten sich um die hohen Säulen empor; ganz oben waren viele Schwalbennester, und in einem wohnte die Schwalbe,
die Däumelinchen trug.

"Hier ist mein Haus!" sagte die Schwalbe. "Aber willst du dir nun selbst eine der prächtigsten Blumen, die da unten wachsen, aussuchen,
dann will ich dich hineinsetzen, und du sollst es so gut und schön haben, wie du es nur wünschest!"

"Das ist herrlich!" sagte Däumelinchen und klatschte erfreut in die kleinen Hände.

Da lag eine große, weiße Marmorsäule, die zu Boden gefallen und in drei Stücke gesprungen war,
aber zwischen diesen wuchsen die schönsten großen, weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter
und setzte sie auf eins der breiten Blätter. Aber wie erstaunte diese! Da saß ein kleiner Mann mitten in der Blume, so weiß und durchsichtig,
als wäre er von Glas; die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopfe und die herrlichsten, klaren Flügel an den Schultern,
er selbst war nicht größer als Däumelinchen. Es war der Blumenelf. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau,
aber dieser war der König - über alle.

"Gott, wie ist er schön!" flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrak sehr über die Schwalbe, denn sie war gegen ihn,
der so klein und fein war, ein Riesenvogel; aber als er Däumelinchen erblickte, wurde er hocherfreut; sie war das schönste Mädchen,
das er je gesehen hatte. Deswegen nahm er seine Goldkrone vom Haupte und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie heiße
und ob sie seine Frau werden wolle, dann solle sie Königin über alle Blumen werden!
Ja, das war wahrlich ein anderer Mann als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Samtpelze.
Sie sagte deshalb ja zu dem herrlichen Prinzen, und von jeder Blume kam eine Dame oder ein Herr, so niedlich, daß es eine Lust war;
jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das beste von allen waren ein Paar schöne Flügel von einer großen, weißen Fliege;
sie wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte sie auch von Blume zu Blume fliegen.
Da gab es viel Freude, und die Schwalbe saß oben in ihrem Neste und sang ihnen vor, so gut sie konnte; aber im Herzen war sie doch betrübt,
denn sie war Däumelinchen gut und wäre gerne immer mit ihr zusammen geblieben.
Am liebsten hätte sie sich daher nie von ihr trennen mögen.

"Du sollst nicht Däumelinchen heißen!" sagte der Blumenelf zu ihr. "Das ist ein häßlicher Name, und du bist schön.
Wir wollen dich von nun an Maja nennen."

"Lebe wohl, lebe wohl!" sagte die kleine Schwalbe und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg, nach Deutschland zurück;
dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann,
vor ihm sang sie "Quivit, quivit!"

Die drei Federn

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne; davon waren zwei klug und gescheit, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling. Als der König alt und schwach ward und an sein Ende dachte, wußte er nicht, welcher von seinen Söhnen nach ihm das Reich erben sollte. Da sprach er zu ihnen: »Ziehet aus, und wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll nach meinem Tod König sein.« Und damit es keinen Streit unter ihnen gab, führte er sie vor sein Schloß, blies drei Federn in die Luft und sprach: »Wie die fliegen, so sollt ihr ziehen.« Die eine Feder flog nach Osten, die andere nach Westen, die dritte flog aber geradaus und flog nicht weit, sondern fiel bald zur Erde. Nun ging der eine Bruder rechts, der andere ging links, und sie lachten den Dummling aus, der bei der dritten Feder, da, wo sie niedergefallen war, bleiben mußte.

Der Dummling setzte sich nieder und war traurig. Da bemerkte er auf einmal, daß neben der Feder eine Falltüre lag. Er hob sie in die Höhe, fand eine Treppe und stieg hinab. Da kam er vor eine andere Türe, klopfte an und hörte, wie es inwendig rief: 

»Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
hutzel hin und her,
laß geschwind sehen, wer draußen wär.«

Die Türe tat sich auf, und er sah eine große, dicke Itsche (Kröte) sitzen und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte, was sein Begehren wäre. Er antwortete: »Ich hätte gerne den schönsten und feinsten Teppich.« Da rief sie eine junge und sprach: 

»Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
hutzel hin und her,
bring mir die große Schachtel her.«

Die junge Itsche holte die Schachtel, und die dicke Itsche machte sie auf und gab dem Dummling einen Teppich daraus, so schön und so fein, wie oben auf der Erde keiner konnte gewebt werden. Da dankte er ihr und stieg wieder hinauf.

Die beiden andern hatten aber ihren jüngsten Bruder für so albern gehalten, daß sie glaubten, er würde gar nichts finden und aufbringen.

»Was sollen wir uns mit Suchen groß Mühe geben«, sprachen sie, nahmen dem ersten besten Schäfersweib, das ihnen begegnete, die groben Tücher vom Leib und trugen sie dem König heim. Zu derselben Zeit kam auch der Dummling zurück und brachte seinen schönen Teppich, und als der König den sah, erstaunte er und sprach: »Wenn es dem Recht nach gehen soll, so gehört dem jüngsten das Königreich.« Aber die zwei andern ließen dem Vater keine Ruhe und sprachen: unmöglich könnte der Dummling, dem es in allen Dingen an Verstand fehlte, König werden, und baten ihn, er möchte eine neue Bedingung machen.

Da sagte der Vater: »Der soll das Reich erben, der mir den schönsten Ring bringt«, führte die drei Brüder hinaus und blies drei Federn in die Luft, denen sie nachgehen sollten. Die zwei ältesten zogen wieder nach Osten und Westen, und für den Dummling flog die Feder geradeaus und fiel neben der Erdtüre nieder. Da stieg er wieder hinab zu der dicken Itsche und sagte ihr, daß er den schönsten Ring brauchte. Sie ließ sich gleich ihre große Schachtel holen und gab ihm daraus einen Ring, der glänzte von Edelsteinen und war so schön, daß ihn kein Goldschmied auf der Erde hätte machen können.

Die zwei ältesten lachten über den Dummling, der einen goldenen Ring suchen wollte, gaben sich gar keine Mühe, sondern schlugen einem alten Wagenring die Nägel aus und brachten ihn dem König. Als aber der Dummling seinen goldenen Ring vorzeigte, so sprach der Vater abermals: »Ihm gehört das Reich.« Die zwei ältesten ließen nicht ab, den König zu quälen, bis er noch eine dritte Bedingung machte und den Ausspruch tat: der sollte das Reich haben, der die schönste Frau heimbrächte. Die drei Federn blies er nochmals in die Luft, und sie flogen wie die vorige Male.

Da ging der Dummling ohne weiteres hinab zu der dicken Itsche und sprach: »Ich soll die schönste Frau heimbringen.

»Ei«, antwortete die Itsche, »die schönste Frau! Die ist nicht gleich zur Hand, aber du sollst sie doch haben.« Sie gab ihm eine ausgehöhlte gelbe Rübe, mit sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig: »Was soll ich damit anfangen?« Die Itsche antwortete: »Setze nur eine von meinen kleinen Itschen hinein.«

Da griff er auf Geratewohl eine aus dem Kreis und setzte sie in die gelbe Kutsche, aber kaum saß sie darin, so ward sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur Kutsche und die sechs Mäuschen zu Pferden. Da küßte er sie, jagte mit den Pferden davon und brachte sie zu dem König. Seine Brüder kamen nach, die hatten sich gar keine Mühe gegeben, eine schöne Frau zu suchen, sondern die ersten besten Bauernweiber mitgenommen. Als der König sie erblickte, sprach er: »Dem jüngsten gehört das Reich nach meinem Tod.« Aber die zwei ältesten betäubten die Ohren des Königs aufs neue mit ihrem Geschrei: »Wir können's nicht zugeben, daß der Dummling König wird«, und verlangten, der sollte den Vorzug haben, dessen Frau durch einen Ring springen könnte, der da mitten in dem Saal hing.

Sie dachten: Die Bauernweiber können das wohl, die sind stark genug, aber das zarte Fräulein springt sich tot. Der alte König gab das auch noch zu. Da sprangen die zwei Bauernweiber, sprangen auch durch den Ring, waren aber so plump, daß sie fielen und ihre groben Arme und Beine entzweibrachen. Darauf sprang das schöne Fräulein, das der Dummling mitgebracht hatte, und sprang so leicht hindurch wie ein Reh, und aller Widerspruch mußte aufhören. Also erhielt er die Krone und hat lange in Weisheit geherrscht.

Die Eule (Gebrüder Grimm)

Vor ein paar hundert Jahren, als die Leute noch lange nicht so klug und verschmitzt waren, als sie heutzutage sind, hat sich in einer kleinen Stadt eine seltsame Geschichte zugetragen.
Von ungefähr war eine von den großen Eulen, die man Schuhu nennt, aus dem benachbarten Walde bei nächtlicher Weile in die Scheuer eines Bürgers geraten und wagte sich, als der Tag anbrach, aus Furcht vor den andern Vögeln, die, wenn sie sich blicken läßt, ein furchtbares Geschrei erheben, nicht wieder aus ihrem Schlupfwinkel heraus. Als nun der Hausknecht morgens in die Scheuer kam, um Stroh zu holen, erschrak er bei dem Anblick der Eule, die da in einer Ecke saß, so gewaltig, daß er fortlief und seinem Herrn ankündigte, ein Ungeheuer, wie er zeit seines Lebens keins erblickt hätte, säße in der Scheuer, drehte die Augen im Kopf herum und könnte einen ohne Umstände verschlingen.
'Ich kenne dich schon,' sagte der Herr, 'einer Amsel im Felde nachzujagen, dazu hast du Mut genug, aber wenn du ein totes Huhn liegen siehst, so holst du dir erst einen Stock, ehe du ihm nahe kommst. Ich muß nur selbst einmal nachsehen, was das für ein Ungeheuer ist,' setzte der Herr hinzu, ging ganz tapfer zur Scheuer hinein und blickte umher.
Als er aber das seltsame und greuliche Tier mit eigenen Augen sah, so geriet er in nicht geringere Angst als der Knecht. Mit ein paar Sätzen sprang er hinaus, lief zu seinen Nachbarn und bat sie flehentlich, ihm gegen ein unbekanntes und gefährliches Tier Beistand zu leisten; ohnehin könnte die ganze Stadt in Gefahr kommen, wenn es aus der Scheuer, wo es säße, heraus bräche.
Es entstand großer Lärm und Geschrei in allen Straßen: die Bürger kamen mit Spießen, Heugabeln, Sensen und Äxten bewaffnet herbei, als wollten sie gegen den Feind ausziehen: zuletzt erschienen auch die Herren des Rats mit dem Bürgermeister an der Spitze. Als sie sich auf dem Markt geordnet hatten, zogen sie zu der Scheuer und umringten sie von allen Seiten. Hierauf trat einer der beherztesten hervor und ging mit gefälltem Spieß hinein, kam aber gleich darauf mit einem Schrei und totenbleich wieder herausgelaufen, und konnte kein Wort hervorbringen. Noch zwei andere wagten sich hinein, es erging ihnen aber nicht besser.
Endlich trat einer hervor, ein großer starker Mann, der wegen seiner Kriegstaten berühmt war, und sprach
'mit bloßem Ansehen werdet ihr das Ungetüm nicht vertreiben, hier muß Ernst gebraucht werden, aber ich sehe, daß ihr alle zu Weibern geworden seid und keiner den Fuchs beißen will.'
Er ließ sich Harnisch, Schwert und Spieß bringen und rüstete sich.
Alle rühmten seinen Mut, obgleich viele um sein Leben besorgt waren.
Die beiden Scheuertore wurden aufgetan, und man erblickte die Eule, die sich indessen in die Mitte auf einen großen Querbalken gesetzt hatte. Er ließ eine Leiter herbeibringen, und als er sie anlegte und sich bereitete hinaufzusteigen, so riefen ihm alle zu, er solle sich männlich halten, und empfahlen ihn dem heiligen Georg, der den Drachen getötet hatte.
Als er bald oben war, und die Eule sah, daß er an sie wollte, auch von der Menge und dem Geschrei des Volks verwirrt war und nicht wußte, wohinaus, so verdrehte sie die Augen, sträubte die Federn, sperrte die Flügel auf, gnappte mit dem Schnabel und ließ ihr schuhu, schuhu mit rauher Stimme hören
. 'Stoß zu, stoß zu!' rief die Menge draußen dem tapfern Helden zu.
'Wer hier stände, wo ich stehe,' antwortete er, 'der würde nicht stoß zu rufen.'
Er setzte zwar den Fuß noch eine Staffel höher, dann aber fing er an zu zittern und machte sich halb ohnmächtig auf den Rückweg.

Nun war keiner mehr übrig, der sich in die Gefahr hätte begeben wollen.
'Das Ungeheuer,' sagten sie, 'hat den stärksten Mann, der unter uns zu finden war, durch sein Gnappen und Anhauchen allein vergiftet und tödlich verwundet, sollen wir andern auch unser Leben in die Schanze schlagen?'
Sie ratschlagten, was zu tun wäre, wenn die ganze Stadt nicht sollte zugrunde gehen.
Lange Zeit schien alles vergeblich, bis endlich der Bürgermeister einen Ausweg fand.
'Meine Meinung geht dahin,' sprach er, 'daß wir aus gemeinem Säckel diese Scheuer samt allem, was darinliegt, Getreide, Stroh und Heu, dem Eigentümer bezahlen und ihn schadlos halten, dann aber das ganze Gebäude und mit ihm das fürchterliche Tier abbrennen, so braucht doch niemand sein Leben daran zu setzen. Hier ist keine Gelegenheit zu sparen, und Knauserei wäre übel angewendet.'
Alle stimmten ihm bei. Also ward die Scheuer an vier Ecken angezündet, und mit ihr die Eule jämmerlich verbrannt. Wers nicht glauben will, der gehe hin und frage selbst nach.

Die Goldkinder (Gebrüder Grimm)

Es war ein armer Mann und eine arme Frau,
die hatten nichts als eine kleine Hütte und nährten sich vom Fischfang,
und es ging bei ihnen von Hand zu Mund.
Es geschah aber, als der Mann eines Tages beim Wasser saß und sein Netz auswarf,
daß er einen Fisch herauszog, der ganz golden war.
Und als er den Fisch voll Verwunderung betrachtete, hub dieser an zu reden und sprach
"hör, Fischer, wirfst du mich wieder hinab ins Wasser,
so mach ich deine kleine Hütte zu einem prächtigen Schloß"
Da antwortete der Fischer "was hilft mir ein Schloß, wenn ich nichts zu essen habe?"
Sprach der Goldfisch weiter
"Auch dafür soll gesorgt sein, es wird ein Schrank im Schloß sein, wenn du den aufschließest,
so stehen Schüsseln darin mit den schönsten Speisen, soviel du dir wünschest.'"
"Wenn das ist," sprach der Mann, "so kann ich dir wohl den Gefallen tun."
"Ja," sagte der Fisch, "es ist aber die Bedingung dabei, daß du keinem Menschen auf der Welt,
wer es auch immer sein mag, entdeckst, woher dein Glück gekommen ist
; sprichst du ein einziges Wort, so ist alles vorbei."

Nun warf der Mann den wunderbaren Fisch wieder ins Wasser und ging heim.
Wo aber sonst seine Hütte gestanden hatte, da stand jetzt ein großes Schloß.
Da machte er ein paar Augen, trat hinein und sah seine Frau,
mit schönen Kleidern geputzt, in einer prächtigen Stube sitzen.
Sie war ganz vergnügt und sprach
"Mann, wie ist das auf einmal gekommen? Das gefällt mir wohl."
"Ja," sagte der Mann, "es gefällt mir auch,
aber es hungert mich auch gewaltig, gibt mir erst was zu essen."
Sprach die Frau
"Ich habe nichts und weiß in dem neuen Haus nichts zu finden."
"Das hat keine Not," sagte der Mann, dort sehe ich einen großen Schrank, den schließ einmal auf."
Wie sie den Schrank aufschloß,
stand da Kuchen, Fleisch, Obst, Wein, und lachte einen ordentlich an. Da rief die Frau voll Freude
"Herz, was begehrst du nun?"
und sie setzten sich nieder, aßen und tranken zusammen.
Wie sie satt waren, fragte die Frau "Aber, Mann, wo kommt all dieser Reichtum her?"
"Ach," antwortete er, "frage mich nicht darum, ich darf dirs nicht sagen,
wenn ichs jemand entdecke, so ist unser Glück wieder dahin."
"Gut," sprach sie "'wenn ichs nicht wissen soll, so begehr ichs auch nicht zu wissen."
Das war aber ihr Ernst nicht, es ließ ihr keine Ruhe Tag und Nacht,
und sie quälte und stachelte den Mann so lang, bis er in der Ungeduld heraussagte,
es käme alles von einem wunderbaren goldenen Fisch,
den er gefangen und dafür wieder in Freiheit gelassen hätte.
Und wies heraus war, da verschwand alsbald das schöne Schloß mit dem Schrank,
und sie saßen wieder in der alten Fischerhütte.

Der Mann mußte von vorne anfangen, seinem Gewerbe nachgehen und fischen.
Das Glück wollte es aber, daß er den goldenen Fisch noch einmal herauszog.
"Hör," sprach der Fisch, "wenn du mich wieder ins Wasser wirfst,
so will ich dir noch einmal das Schloß mit dem Schrank voll Gesottenem und Gebratenem zurückgeben;
nur halt dich fest und verrat beileibe nicht, von wem dus hast,
sonst gehts wieder verloren."
"Ich will mich schon hüten," antwortete der Fischer und warf den Fisch in sein Wasser hinab.
Daheim war nun alles wieder in voriger Herrlichkeit,
und die Frau war in einer Freude über das Glück; aber die Neugierde ließ ihr doch keine Ruhe,
daß sie nach ein paar Tagen wieder zu fragen anhub, wie es zugegangen wäre,
und wie er es angefangen habe.
Der Mann schwieg eine Zeitlang still dazu, endlich aber machte sie ihn so ärgerlich,
daß er herausplatzte und das Geheimnis verriet.
In dem Augenblick verschwand das Schloß, und sie saßen wieder in der alten Hütte.
"Nun hast dus" sagte der Mann, "jetzt können wir wieder am Hungertuch nagen."
"Ach," sprach die Frau "ich will den Reichtum lieber nicht, wenn ich nicht weiß,
von wem er kommt; sonst habe ich doch keine Ruhe."

Der Mann ging wieder fischen, und über eine Zeit, so wars nicht anders,
er holte den Goldfisch zum drittenmal heraus.
"Hör," sprach der Fisch, "ich sehe wohl, ich soll immer wieder in deine Hände fallen,
nimm mich mit nach Haus und zerschneid mich in sechs Stücke,
zwei davon gib deiner Frau zu essen, zwei deinem Pferd, und zwei leg in die Erde,
so wirst du Segen davon haben.!
Der Mann nahm den Fisch mit nach Haus und tat, wie er ihm gesagt hatte.
Es geschah aber, daß aus den zwei Stücken, die in die Erde gelegt waren,
zwei goldene Lilien aufwuchsen, und daß das Pferd zwei goldene Füllen bekam,
und des Fischers Frau zwei Kinder gebar, die ganz golden waren.

Die Kinder wuchsen heran, wurden groß und schön, und die Lilien und Pferde wuchsen mit ihnen.
Da sprachen sie
"Vater, wir wollen uns auf unsere goldenen Rosse setzen und in die Welt ausziehen."
Er aber antwortete betrübt
"Wie will ichs aushalten, wenn ihr fortzieht und ich nicht weiß, wies euch geht?"
Da sagten sie "die zwei goldenen Lilien bleiben hier, daran könnt ihr sehen, wies uns geht:
sind sie frisch, so sind wir gesund; sind sie welk, so sind wir krank; fallen sie um, so sind wir tot."
Sie ritten fort und kamen in ein Wirtshaus, darin waren viele Leute,
und als sie die zwei Goldkinder erblickten, fingen sie an zu lachen und zu spotten.
Wie der eine das Gespött hörte, so schämte er sich, wollte nicht in die Welt
kehrte um und kam wieder heim zu seinem Vater.
Der andere aber ritt fort und gelangte zu einem großen Wald.
Und als er hineinreiten wollte, sprachen die Leute
"Es geht nicht, daß Ihr durchreitet, der Wald ist voll Räuber, die werden übel mit Euch umgehen,
und gar, wenn sie sehen, daß Ihr golden seid und Euer Pferd auch, so werden sie Euch totschlagen."
Er aber ließ sich nicht schrecken und sprach
"Ich muß und soll hindurch."
Da nahm er Bärenfelle und überzog sich und sein Pferd damit,
daß nichts mehr vom Gold zu sehen war, und ritt getrost in den Wald hinein.
Als er ein wenig fortgeritten war, so hörte er es in den Gebüschen rauschen und vernahm Stimmen,
die miteinander sprachen. Von der einen Seite riefs
"Da ist einer," von der andern aber "laß ihn laufen, das ist ein Bärenhäuter,
und arm und kahl wie eine Kirchenmaus, was sollen wir mit ihm anfangen!"
So ritt das Goldkind glücklich durch den Wald, und geschah ihm kein Leid.

Eines Tages kam er in ein Dorf, darin sah er ein Mädchen, das war so schön,
daß er nicht glaubte, es könnte ein schöneres auf der Welt sein.
Und weil er eine so große Liebe zu ihm empfand, so ging er zu ihm und sagte
"Ich habe dich von ganzem Herzen lieb, willst du meine Frau werden?"
Er gefiel aber auch dem Mädchen so sehr, daß es einwilligte und sprach
"Ja, ich will deine Frau werden und dir treu sein mein lebelang."
Nun hielten sie Hochzeit zusammen, und als sie eben in der größten Freude waren,
kam der Vater der Braut heim, und als er sah, daß seine Tochter Hochzeit machte,
verwunderte er sich und sprach
"Wo ist der Bräutigam?" Sie zeigten ihm das Goldkind, das hatte aber noch seine Bärenfelle um.
Da sprach der Vater zornig "nimmermehr soll ein Bärenhäuter meine Tochter haben,"
und wollte ihn ermorden. Da bat ihn die Braut, was sie konnte, und sprach
"Er ist einmal mein Mann, und ich habe ihn von Herzen lieb,"
bis er sich endlich besänftigen ließ. Doch aber kams ihm nicht aus den Gedanken,
so daß er am andern Morgen früh aufstand und seiner Tochter Mann sehen wollte,
ob er ein gemeiner und verlumpter Bettler wäre.
Wie er aber hinblickte, sah er einen herrlichen, goldenen Mann im Bette,
und die abgeworfenen Bärenfelle lagen auf der Erde.
Da ging er zurück und dachte
"Wie gut ists, daß ich meinen Zorn bändigte, ich hätte eine große Missetat begangen."

Dem Goldkind aber träumte, er zöge hinaus auf die Jagd nach einem prächtigen Hirsch,
und als er am Morgen erwachte, sprach er zu seiner Braut
"Iich will hinaus auf die Jagd."
Ihr war angst, und sie bat ihn dazubleiben und sagte"Lleicht kann dir ein großes Unglück begegnen,"
aber er antwortete "Ich soll und muß fort."
Da stand er auf und zog hinaus in den Wald, und gar nicht lange,
so hielt auch ein stolzer Hirsch vor ihm, ganz nach seinem Traume.
Er legte an und wollte ihn schießen, aber der Hirsch sprang fort.
Da jagte er ihm nach, über Graben und durch Gebüsche, und ward nicht müde den ganzen Tag;
am Abend aber verschwand der Hirsch vor seinen Augen.
Und als das Goldkind sich umsah, so stand er vor einem kleinen Haus, darin saß eine Hexe.
Er klopfte an, und ein Mütterchen kam heraus und fragte "
"Was wollt Ihr so spät noch mitten in dem großen Wald?"
Er sprach "Hhabt Ihr keinen Hirsch gesehen?"
"'Ja," antwortete sie, "den Hirsch kenn ich wohl,"
und ein Hündlein, das mit ihr aus dem Haus gekommen war, bellte dabei den Mann heftig an.
"Willst du schweigen, du böse Kröte," sprach er,
"sonst schieß ich dich tot." Da rief die Hexe zornig
"Was, mein Hündchen willst du töten!" und verwandelte ihn alsbald, daß er dalag wie ein Stein,
und seine Braut erwartete ihn umsonst und dachte
"Es ist gewiß eingetroffen, was mir so angst machte und so schwer auf dem Herzen lag."

Daheim aber stand der andere Bruder bei den Goldlilien, als plötzlich eine davon umfiel.
"Ach Gott," sprach er "meinem Bruder ist ein großes Unglück zugestoßen,
ich muß fort, ob ich ihn vielleicht errette."
Da sagte der Vater "Bleib hier, wenn ich auch dich verliere, was soll ich anfangen?"
Er aber antwortete "Iich soll und muß fort"'
Da setzte er sich auf sein goldenes Pferd und ritt fort und kam in den großen Wald,
wo sein Bruder lag und Stein war.
Die alte Hexe kam aus ihrem Haus, rief ihn an und wollte ihn auch berücken,
aber er näherte sich nicht, sondern sprach
"Ich schieße dich nieder, wenn du meinen Bruder nicht wieder lebendig machst."
Sie rührte, so ungerne sie`s auch tat, den Stein mit dem Finger an,
und alsbald erhielt er sein menschliches Leben zurück.
Die beiden Goldkinder aber freuten sich, als sie sich wiedersahen, küßten und herzten sich,
und ritten zusammen fort aus dem Wald, der eine zu seiner Braut, der andere heim zu seinem Vater.
Da sprach der Vater
"Ich wußte wohl, daß du deinen Bruder erlöst hattest,
denn die goldene Lilie ist auf einmal wieder aufgestanden und hat fortgeblüht."!
Nun lebten sie vergnügt, und es ging ihnen wohl bis an ihr Ende

Die Haselrute (Gebrüder Grimm)

Eines Nachmittags hatte sich das Christkind in sein Wiegenbett gelegt und war eingeschlafen,
da trat seine Mutter heran, sah es voll Freude an und sprach
"Hast du dich schlafen gelegt, mein Kind?
Schlaf sanft, ich will derweil in den Wald gehen und eine Handvoll Erdbeeren für dich holen;
ich weiß wohl, du freust dich darüber, wenn du aufgewacht bist."
Draußen im Wald fand sie einen Platz mit den schönsten Erdbeeren,
als sie sich aber herabbückt, um eine zu brechen,
so springt aus dem Gras eine Natter in die Höhe.
Sie erschrickt, läßt die Beere stehen und eilt hinweg.
Die Natter schießt ihr nach, aber die Mutter Gottes,
das könnt ihr denken, weiß guten Rat,
sie versteckt sich hinter eine Haselstaude und bleibt da stehen,
bis die Natter sich wieder verkrochen hat.
Sie sammelt dann die Beeren, und als sie sich auf den Heimweg macht, spricht sie
"wie die Haselstaude diesmal mein Schutz gewesen ist,
so soll sie es auch in Zukunft andern Menschen sein."
Darum ist seit den ältesten Zeiten ein grüner Haselzweig
gegen Nattern, Schlangen, und was sonst auf der Erde kriecht, der sicherste Schutz.