17. Dezember

Namenstage : Johannes,Jolanda,Lazarus,Olympia,Stumius,Vivian,Viviana,Vivianna und Vivien

Drei Könige
Peter Cornelius (1824-1874)

Drei Kön'ge wandern aus Morgenland.
Ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand.
In Juda fragen und forschen die drei,
wo der neugeborene König sei.
Sie wollen Weihrauch, Myrrhen und Gold
dem Kinde spenden zum Opfersold.

Und hell erglänzet des Sternes Schein.
Zum Stalle gehen die Könige ein.
Das Knäblein schauen sie wonniglich,
anbetend neigen die Könige sich,
Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold
zum Opfer dar dem Knäblein hold.

Rapunzel (Gebrüder Grimm)

Es waren einmal ein Mann und eine Frau,
die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind;
endlich machte sich die Frau Hoffnung,
der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen.
Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster,
daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen,
der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand;
er war aber von einer hohen Mauer umgeben,
und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte,
die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet wurde.

Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab,
da erblickte sie ein Beet,
das mit den schönsten Rapunzeln (Feldsalat) bepflanzt war,
und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern ward u
nd das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen.
Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte,
daß sie keine davon bekommen konnte, fiel sie ganz ab,
sah blaß und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte:
"Was fehlt dir, liebe Frau?"
"Ach", antwortete sie,
"wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten
hinter unserem Haus zu essen kriege, so sterbe ich."
Der Mann, der sie lieb hatte, dachte:
"Eh' du deine Frau sterben lässest,
holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will."
In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer
in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln
und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus
und aß ihn in vollem Heißhunger auf.
Er hatte ihr aber so gut, so gut geschmeckt,
daß sie den andern Tag noch dreimal so viel Lust bekam.
Sollte sie Ruhe haben,
so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen.
Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab;
als er aber die Mauer hinabgeklettert war, erschrak er gewaltig,
denn er sah die Zauberin vor sich stehen.

"Wie kannst du es wagen", sagte sie mit zornigem Blick,
"in meinen Garten zu steigen und mir wie ein Dieb
meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen!"
"Ach", antwortete er, "laßt Gnade vor Recht ergehen,
ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen;
meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt
und empfindet ein so großes Gelüste, daß sie sterben würde,
wenn sie nicht davon zu essen bekäme."
Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm:
"Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten,
Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung.
Du mußt mir das Kind geben, das euch der liebe Gott schenken wird;
es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter."
Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als das Kind zur Welt kam,
erschien sogleich die Zauberin,
gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne.
Als es zwölf Jahre alt war, schloß es die Zauberin in einen Turm,
der in einem Walde lag und weder Treppe noch Tür hatte,
nur ganz oben war ein kleines Fensterchen.
Wenn die Zauberin hineinwollte, stellte sie sich unten hin und rief.

"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!"

Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold.
Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, band sie ihre Zöpfe los,
wickelte sie oben um einen Fensterhaken,
und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter,
und die Zauberin stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu,
daß der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam.
Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, daß er stillhielt und horchte.
Das war Rapunzel, die sich in ihrer Einsamkeit die Zeit damit vertrieb,
ihre süße Stimme erschallen zu lassen.
Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen
und suchte nach einer Tür des Turmes, aber es war keine zu finden.
Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt,
daß er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte,
Als er einmal so hinter einem Baume stand, sah er, daß eine Zauberin herankam,
und hörte, wie sie hinaufrief:

"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!"

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf.
Der Königssohn dachte: "Ist das die Leiter, auf der man hinaufkommt'
so will ich auch einmal mein Glück versuchen."
Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden,
ging er zu dem Turme und rief:

 "Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!"

Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.
Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam,
wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten;
doch der Königssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden,
und erzählte ihr,
daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr bewegt worden sei,
daß es ihm keine Ruhe gelassen habe und er sie selbst habe sehen müssen.
Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte,
ob sie ihn zum Manne nehmen wollte,
und sie sah, daß er jung und schön war, so dachte sie:
"Der wird mich lieber haben als die alte Frau Patin", und sagte "Ja"
und legte ihre Hand in seine Hand.
Sie sprach: "Ich will gern mit dir gehn, aber ich weiß nicht.
wie ich hinabkommen kann. Wenn du kommst,
so bring' jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten,
und wenn die fertig ist, so steige ich hinunter,
und du nimmst mich auf dein Pferd."
Sie verabredeten, daß er bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte,
denn bei Tag kam die Alte.

Die Zauberin merkte auch nichts davon,
bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte:
"Sag' Sie mir doch, Frau Patin, wie kommt es nur,
Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn,
der ist in einem Augenblick bei mir."
"Ach, du gottloses Kind", rief die Zauberin, "was muß ich von dir hören!
Ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden,
und du hast mich doch betrogen!"
In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel,
schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand,
ergriff eine Schere mit der rechten,
und ritsch ratsch waren sie abgeschnitten,
und die schönen Flechten lagen auf der Erde.
Und sie war so unbarmherzig,
daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte,
wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte,
machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten
oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief:

Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!"

da ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf;
aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondem die Zauberin,
die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah.
" Aha" , rief sie höhnisch, "du willst die Frau Liebste holen?
Aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr,
die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen.
Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken."
Da geriet der Königssohn außer sich vor Schmerz,
und in der Verzweiflung sprang er vom Turm herab.
Das Leben brachte er davon, aber die Domen, in die er fiel,
zerstachen ihm die Augen. Nun irrte er blind im Walde umher,
aß nichts als Wurzeln und Beeren,
und tat nichts als jammem und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau.

So wanderte er einige Jahre im Elend umher
und geriet endlich in die Wüstenei,
wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte,
einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte.
Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihm so bekannt.
Da ging er darauf zu, und wie er hinkam, erkannte ihn Rapunzel
und fiel ihm um den Hals und weinte.
Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen,
da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst.

Er führte sie heim in sein Reich,
wo er mit Freude empfangen ward,
und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

Die Geschichte von einer Mutter (Hans Christian Andersen)

Eine Mutter saß bei ihrem kleinen Kinde. Sie war so betrübt und hatte so große Angst,
daß es sterben würde. Es war so bleich; die kleinen Augen hatten sich geschlossen.
Der Atem ging ganz leise, nur mitunter tat es einen tiefen Zug gleich einem Seufzer, und die Mutter blickte immer sorgenvoller auf das kleine Wesen.

Da klopfte es an die Tür, und herein kam ein armer, alter Mann, der, wie es schien,
in eine große Pferdedecke gehüllt war; denn die wärmt, und das tat ihm not;
es war ja kalter Winter. Draußen lag alles mit Eis und Schnee bedeckt, und der Wind blies,
daß es einem ins Gesicht schnitt.

Da der alte Mann vor Kälte zitterte und das kleine Kind einen Augenblick schlief,
ging die Mutter hin und setzte Bier in einem kleinen Topfe in den Kachelofen,
um es für ihn zu wärmen. Der alte Mann saß und wiegte das Kind,
und die Mutter setzte sich dicht neben ihn auf einen Stuhl, schaute auf ihr krankes Kind,
das so tief Atem holte, und hob die kleine Hand empor.

"Glaubst Du nicht, daß ich es behalte?" fragte sie. "Der liebe Gott wird es mir nicht nehmen!"

Und der alte Mann - es war der Tod selbst - nickte so sonderbar,
es konnte ebensogut ja wie nein bedeuten.
Und die Mutter sah in ihren Schoß nieder und die Tränen liefen ihr über ihre Wangen.
Das Haupt wurde ihr schwer, drei Tage und drei Nächte hatte sie ihre Augen nicht geschlossen,
und nun schlief sie.
Aber nur einen Augenblick; dann fuhr sie auf und zitterte vor Kälte:
"Was ist das?" fragte sie und sah sich nach allen Seiten um.
Aber der alte Mann war fort, und ihr kleines Kind war fort; er hatte es mit sich genommen.
Hinten in der Ecke schnurrte und schnurrte die alte Uhr;
das große Bleigewicht lief bis zum Fußboden hinab, bum und da stand auch die Uhr still.

Aber die arme Mutter lief zum Hause hinaus und rief nach ihrem Kinde.

Draußen, mitten im Schnee, saß eine Frau in langen, schwarzen Kleidern und sprach:
"Der Tod ist in Deiner Stube gewesen; ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davoneilen.
Er geht schneller als der Wind, er bringt niemals zurück, was er genommen hat."

"Sage mir nur, welchen Weg er gegangen ist" sagte die Mutter.
"Sag mir den Weg, dann werde ich ihn finden!"

"Ich weiß ihn" sagte die Frau in den schwarzen Kleidern;
"aber ehe ich ihn Dir sage, mußt Du mir erst alle die Lieder singen,
die Du Deinem Kinde vor gesungen hast.
Ich liebe sie; ich habe sie schon früher gehört. Ich bin die Nacht und sah Deine Tränen,
als Du sie sangst."

"Ich will sie singen, alle, aller" sagte die Mutter,
"aber halt mich nicht auf, daß ich ihn einholen kann und mein Kind wiederfinde!"

Aber die Nacht saß stumm und still.
Da rang die Mutter ihre Hände, sang und weinte,
und es waren viele Lieder, aber noch mehr Tränen;
und dann sagte die Nacht: "Geh nach rechts in den dunkeln Tannenwald,
dorthin sah ich den Tod mit Deinem kleinen Kinde den Weg nehmen!"

Tief im Walde kreuzten sich die Wege, und sie wußte nicht, wo entlang sie gehen sollte.
Da stand ein Dornenbusch, der hatte weder Blätter noch Blüten.
Es war ja auch kalte Winterszeit, und Eiszapfen hingen an den Zweigen.

"Hast Du nicht den Tod mit meinem kleinen Kinde vorbeigehen sehen?"

"Ja," sagte der Dornenbusch, "aber ich sage Dir nicht, welchen Weg er eingeschlagen hat,
wenn Du mich nicht vorher an Deinem Herzen aufwärmen willst.
Ich friere sonst tot und werde ganz und gar zu Eis."

Und sie drückte den Dornenbusch an ihre Brust, so fest, er sollte ja gut aufgewärmt werden.
Und die Dornen drangen tief in ihr Fleisch, und ihr Blut floß in großen Tropfen.
Aber der Dornenbusch trieb frische, grüne Blätter und bekam Blüten in der kalten Winternacht.
So warm war es an dem Herzen der betrübten Mutter.
Und der Dornenbusch sagte ihr den Weg, den sie gehen mußte.

Da kam sie an einen großen See, auf dem weder Schiff noch Boot war.
Der See war noch nicht fest genug zugefroren, daß er sie hätte tragen können,
und auch nicht offen und seicht genug, daß sie ihn hätte durchwaten können.
Und hinüber mußte sie doch, wollte sie ihr Kind finden.
Da legte sie sich nieder, um den See auszutrinken.
Das war ja unmöglich für einen Menschen.
Aber die betrübte Mutter dachte, daß doch vielleicht ein Wunder geschehen würde.

"Nein, das geht nicht" sagte der See.
"Laß uns beide lieber sehen, daß wir uns einigen.
Ich liebe es, Perlen zu sammeln, und Deine Augen sind die zwei klarsten,
die ich je gesehen habe.
Willst Du sie für mich ausweinen, dann will ich Dich zu dem großen Treibhaus hinüber tragen,
wo der Tod wohnt und Blumen und Bäume pflegt. Jedes von ihnen ist ein Menschenleben."

"O, was gäbe ich nicht, um zu meinem Kinde zu kommen!" sagte die vergrämte Mutter.
Nun weinte sie noch mehr, und ihre Augen sanken nieder auf den Grund des Sees
und wurden zwei kostbare Perlen.
Der See aber hob die Mutter empor, als säße sie in einer Schaukel,
und sie flog in einer einzigen Schwingung an die Küste auf der anderen Seite, wo ein meilenbreites, seltsames Haus stand. Man wußte nicht, war es ein Berg mit Wäldern und Höhlen,
oder war es gezimmert. Aber die arme Mutter konnte es nicht sehen; sie hatte ja ihre Augen ausgeweint.

"Wo soll ich den Tod finden, der mit meinem kleinen Kinde fortgegangen ist" sagte sie.

"Er ist noch nicht gekommen!" sagte die alte Frau,
die da ging und auf das große Treibhaus des Todes aufpassen sollte.
"Wie hast Du hierherfinden können, und wer hat Dir geholfen?"

"Der liebe Gott hat mir geholfen!" sagte sie, "
er ist barmherzig, und das wirst Du auch sein. Wo kann ich mein kleines Kind finden?"

"Ja, ich kenne es nicht," sagte die Frau, "und Du kannst ja nicht sehen.
Viele Blumen und Bäume sind heute Nacht verwelkt.
Der Tod wird gleich kommen und sie umpflanzen!
Du weißt wohl, daß jeder Mensch seinen Lebensbaum hat oder seine Blume,
je nachdem er nun beschaffen ist. Sie sehen aus wie andere Gewächse auch,
aber sie haben Herzen, die schlagen. Kinderherzen können auch schlagen! Horche danach,
vielleicht kannst Du den Herzschlag Deines Kindes erkennen. A
ber was gibst Du mir, wenn ich Dir sage, was Du noch mehr tun mußt?"

"Ich habe nichts mehr zu geben," sagte die betrübte Mutter.
"Aber ich will für Dich bis ans Ende der Welt gehen."

"Ja, da habe ich nichts zu suchen!" sagte die Frau,
"aber Du kannst mir Dein langes, schwarzes Haar geben.
Du weißt wohl selbst, daß es schön ist, und mir gefällt es.
Du sollst mein weißes dafür haben, das ist doch immer etwas."

"Verlangst Du nicht mehr?" sagte sie. "Das gebe ich Dir mit Freuden."
Und sie gab ihr schönes Haar und bekam das schneeweiße der Alten dafür.

Dann gingen sie in das große Treibhaus des Todes hinein,
wo Blumen und Bäume wunderbar durcheinander wuchsen.
Da standen feine Hyazinthen unter Glasglocken, und es standen baumstarke Pfingstrosen da.
Es wuchsen Wasserpflanzen dort, einige ganz frisch, andere halbkrank.
Wasserschlangen legten sich darauf, und schwarze Krebse kniffen sich im Stiele fest.
Da standen herrliche Palmenbäume, Eichen und Platanen, da stand Petersilie und blühender Tymian. Jeder Baum und jede Blume hatte ihren Namen; jedes von ihnen war ja ein Menschenleben.
Die Menschen lebten noch, einer in China, einer in Grönland, überall auf der Erde.
Da gab es große Bäume in kleinen Töpfen, so daß sie ganz zusammengepreßt und nahe daran waren, den Topf zu zersprengen. An manchen Stellen gab es auch kleine, schwache Blümchen in fetter Erde, mit Moos ringsherum und gehegt und gepflegt.
Die betrübte Mutter beugte sich über alle die kleinsten Pflanzen
und horchte auf jeden Schlag ihres Menschenherzens,
und unter Millionen erkannten sie den ihres Kindes.

"Das ist es!" rief sie und streckte ihre Hand über einen kleinen blauen Krokus aus,
der ganz krank nach der einen Seite hing.

"Rühre die Blume nicht an" sagte die alte Frau.
"Aber stelle Dich hierher, und wenn dann der Tod kommt, den ich jeden Augenblick erwarte,
so laß ihn die Pflanze nicht herausreißen;
drohe ihm, daß Du es mit den anderen Pflanzen ebenso machen würdest,
dann wird er bange; denn er muß dem lieben Gott dafür Rechenschaft ablegen.
Keine darf herausgerissen werden ohne seine Erlaubnis."

Mit einem Male sauste es eiskalt durch den Saal,
und die blinde Mutter merkte, daß es der Tod war, der kam.

"Wie hast Du den Weg hierher finden können?" fragte er.
"Wie konntest Du schneller hierher kommen als ich?"

"Ich bin eine Mutter!" sagte sie.

Und der Tod streckte seine lange Hand aus nach der kleinen, feinen Blume;
sie aber hielt ihre Hände so fest darum gelegt, so dicht und doch so besorgt,
daß sie eins der Blättchen berühren könne. Da blies der Tod auf ihre Hände,
und sie fühlte, daß dies kälter war als der kalte Wind, und ihre Hände fielen matt nieder.

"Du kannst gegen mich nichts ausrichten" sagte der Tod.

"Aber der liebe Gott kann es!" sagte sie.

"Ich tue nur nach seinem Willen!" sagte der Tod,
"ich bin sein Gärtner.
Ich nehme alle seine Blumen und Bäume und pflanze sie in den großen Paradiesgarten,
in das unbekannte Land. Aber wie sie dort wachsen und wie es dort ist, darf ich Dir nicht sagen!"

"Gib mir mein Kind zurück!" sagte die Mutter und weinte und bat.
Mit einem Male griff sie mit beiden Händen nach zwei anderen schönen Blumen und rief dem Tod zu: "Ich reiße alle Deine Blumen aus; denn ich bin in Verzweiflung!"

"Rühre sie nicht an!" sagte der Tod.
"Du sagst, daß Du so unglücklich bist,
und nun willst Du eine andere Mutter ebenso unglücklich machen - ?"

"Eine andere Mutter!" sagte die arme Frau und ließ beide Blumen fahren.

"Da hast Du Deine Augen," sagte der Tod;
"ich habe sie aus dem See gefischt, sie leuchteten so hell. Ich wußte nicht, daß es Deine waren.
Nimm sie wieder. Sie sind jetzt klarer als früher. Sieh dann hinab in den tiefen Brunnen hier daneben. Ich werde Dir die Namen der beiden Blumen sagen, die Du ausreißen wolltest,
und Du wirst ihre ganze Zukunft sehen, ihr ganzes Menschenleben,
wirst sehen, was Du zerstören und vernichten wolltest!"

Und sie sah in den Brunnen hinab. Es war eine Glückseligkeit darin zu sehen,
wie das eine Kind ein Segen für die ganze Welt wurde, und es war zu sehen,
wieviel Glück und Freude es rings um sich verbreitete.
Und sie sah des anderen Leben, und es war voller Sorge und Not, voller Kummer und Elend.

"Beides ist Gottes Wille!" sagte der Tod.

"Welches von ihnen ist die Blume des Unglücks, und welches die des Segens?" fragte sie.

"Das sage ich Dir nicht," sprach der Tod. "Aber das sollst Du von mir erfahren,
daß die eine Blume die Deines eigenen Kindes war,
es war Deines Kindes Schicksal, was Du sahst, Deines eigenen Kindes Zukunft."

Da schrie die Mutter vor Schrecken: "Welches von ihnen war mein Kind? Sage mir das!
Rette das Unschuldige! Rette mein Kind vor all dem Elend. Trag es lieber fort!
Trage es zu Gottes Reich.
Vergiß meine Tränen, vergiß meine Bitten und alles, was ich gesagt oder getan habe."

"Ich verstehe Dich nicht" sagte der Tod.
"Willst Du Dein Kind zurückhaben, oder soll ich mit ihm dorthin gehen, wovon niemand weiß?"

Da rang die Mutter ihre Hände, fiel auf ihre Knie und bat den lieben Gott:
"Erhöre mich nicht, wenn ich gegen Deinen Willen bitte, der der beste ist.
Erhöre mich nicht! Erhöre mich nicht!"

Und sie neigte ihr Haupt auf ihre Brust.

Der Tod aber ging mit ihrem Kinde in das unbekannte Land.

Die Kornähre (Gebrüder Grimm)

Vorzeiten, als Gott noch selbst auf Erden wandelte, da war die Fruchtbarkeit des Bodens viel größer als sie jetzt ist:
damals trugen die Ähren nicht fünfzig- oder sechzigfältig, sondern vier- bis fünfhundertfältig.

Da wuchsen die Körner am Halm von unten bis oben hinauf: so lang er war, so lang war auch die Ähre.
Aber wie die Menschen sind, im Überfluß achten sie des Segens nicht mehr, der von Gott kommt, werden gleichgültig und leichtsinnig.

Eines Tages ging eine Frau an einem Kornfeld vorbei, und ihr kleines Kind, das neben ihr sprang, fiel in eine Pfütze und beschmutzte sein Kleidchen.
Da riß die Mutter eine Handvoll der schönen Ähren ab und reinigte ihm damit das Kleid.

Als der Herr, der eben vorüberkam, das sah, zürnte er und sprach
"fortan soll der Kornhalm keine Ähre mehr tragen:
die Menschen sind der himmlischen Gabe nicht länger wert."

Die Umstehenden, die das hörten, erschraken, fielen auf die Knie und flehten, daß er noch etwas möchte an dem Halm stehen lassen:
wenn sie selbst es auch nicht verdienten, doch der unschuldigen Hühner wegen,
die sonst verhungern müßten.
Der Herr, der ihr Elend voraussah, erbarmte sich und gewährte die Bitte.
Also blieb noch oben die Ähre übrig, wie sie jetzt wächst.

Die Nachtigall (Hans Christian Andersen)

In China, weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es sind nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Des Kaisers Schloß war das prächtigste der Welt, ganz und gar von feinem Porzellan, so kostbar, aber so spröde, so mißlich daran zu rühren, daß man sich ordentlich in acht nehmen mußte. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die allerprächtigsten waren Silberglocken gebunden, die erklangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten fein ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, daß der Gärtner selbst das Ende nicht kannte; ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade hinunter bis zum Meere, das blau und tief war. Große Schiffe konnten unter den Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, daß selbst der arme Fischer, der soviel anderes zu tun hatte, stillhielt und horchte, wenn er nachts ausgefahren war, um das Fischnetz aufzuziehen. "Ach Gott, wie ist das schön!" sagte er, aber dann mußte er auf sein Netz achtgeben und vergaß den Vogel; doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte er wieder: "Ach Gott, wie ist das doch schön!"

Von allen Ländern kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten sie, das Schloß und den Garten; doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: "Das ist doch das Beste!"

Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten, aber die Nachtigall vergaßen sie nicht, sie wurde am höchsten gestellt, und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.

Die Bücher durchliefen die Welt, und einige kamen dann auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhl, las und las, jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn er freute sich über die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens. "Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!" stand da geschrieben.

"Was ist das?" fragte der Kaiser. "Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört; so etwas soll man erst aus Büchern erfahren?"

Da rief er seinen Haushofmeister. Der war so vornehm, daß, wenn jemand, der geringer war als er, mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: "P!" Und das hat nichts zu bedeuten.

"Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, der Nachtigall genannt wird!" sagte der Kaiser. "Man spricht, dies sei das Allerbeste in meinem großen Reiche; weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?"

"Ich habe ihn früher nie nennen hören", sagte der Haushofmeister. "Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!"

"Ich will, daß er heute abend herkomme und vor mir singe!" sagte der Kaiser. "Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!"

"Ich habe ihn früher nie nennen hören!" sagte der Haushofmeister. "Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!"

Aber wo war er zu finden? Der Haushofmeister lief alle Treppen auf und nieder, durch Säle und Gänge, keiner von allen denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Haushofmeister lief wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von denen sei, die da Bücher schreiben. "Dero Kaiserliche Majestät können gar nicht glauben, was da alles geschrieben wird; das sind Erdichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt!"

"Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe", sagte der Kaiser, "ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan gesandt, also kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören; sie muß heute abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll dem ganzen Hof auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot gegessen hat!"

"Tsing-pe!" sagte der Haushofmeister und lief wieder alle Treppen auf und nieder, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht gern auf den Leib getrampelt werden. Da gab es ein Fragen nach der merkwürdigen Nachtigall, die von aller Welt gekannt war, nur von niemand bei Hofe.

Endlich trafen sie ein kleines, armes Mädchen in der Küche. Sie sagte: "O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie kann die singen! Jeden Abend habe ich die Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter einige Überbleibsel vom Tische mit nach Hause zu bringen. Sie wohnt unten am Strande, wenn ich dann zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, höre ich Nachtigall singen. Es kommt mir dabei das Wasser in die Augen, und es ist gerade, als ob meine Mutter mich küßte!"

"Kleine Köchin", sagte der Haushofmeister, "ich werde dir eine feste Anstellung in der Küche und die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, verschaffen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst; denn sie ist zu heute abend angesagt."

So zogen sie allesamt hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine Kuh zu brüllen an.

"Oh!" sagten die Hofjunker, "nun haben wir sie; das ist doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sicher schon früher gehört!"

"Nein, das sind Kühe, die brüllen!" sagte die kleine Köchin. "Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!"

Nun quakten die Frösche im Sumpfe.

"Herrlich!" sagte der chinesische Schloßpropst. "Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Tempelglocken."

"Nein, das sind Frösche!" sagte die kleine Köchin. "Aber nun, denke ich werden wir sie bald hören!"

Da begann die Nachtigall zu singen.

"Das ist sie", sagte das kleine Mädchen. "Hört, hört! Und da sitzt sie! Sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.

"Ist es möglich?" sagte der Haushofmeister. "So hätte ich sie mir nimmer gedacht; wie einfach sie aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe darüber verloren daß sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!"

"Kleine Nachtigall", rief die kleine Köchin ganz laut, unser gnädigster Kaiser will, daß Sie vor ihm singen möchten!"

"Mit dem größten Vergnügen", sagte die Nachtigall und sang dann, daß es eine Lust war.

"Es ist gerade wie Glasglocken!" sagte der Haushofmeister. Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher nie gesehen haben; sie wird großes Aufsehen bei Hofe machen!"

"Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?" fragte die Nachtigall, die glaubte, der Kaiser sei auch da.

"Meine vortreffliche, kleine Nachtigall", sagte der Haushofmeister, ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzuladen, wo Sie Dero hohe Kaiserliche Gnaden mit Ihrem prächtigen Gesange bezaubern werden!"

"Der nimmt sich am besten im Grünen aus!" sagte die Nachtigall, aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, daß der Kaiser es wünschte.

Auf dem Schlosse war alles aufgeputzt. Wände und Fußboden, die von Porzellan waren, glänzten im Strahle vieler tausend goldener Lampen, und die prächtigsten Blumen, die recht klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt. Da war ein Laufen und ein Zugwind, aber alle Glocken klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte.

Mitten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stab hingestellt, auf dem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihrem größten Staate, und alle sahen nach dem kleinen, grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.

Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die Tränen in die Augen traten, die Tränen liefen ihm über die Wangen hernieder, und da sang die Nachtigall noch schöner; das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war sehr erfreut und sagte, daß die Nachtigall einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen solle. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon Belohnung genug erhalten.

"Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Gott weiß es, ich bin genug belohnt!" Und darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme.

"Das ist die liebenswürdigste Stimme, die wir kennen!" sagten die Damen ringsherum, und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu klucken, wenn jemand mit ihnen spräche; sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Diener und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie zufrieden seien, und das will viel sagen, denn sie sind am schwierigsten zu befriedigen. Ja, die Nachtigall machte wahrlich Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben, samt der Freiheit, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie bekam zwölf Diener mit, die ihr ein Seidenband um das Bein geschlungen hatten, woran sie sie festhielten. Es war durchaus kein Vergnügen bei solchem Ausflug.

Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, dann seufzten sie und verstanden einander: Ja, elf Hökerkinder wurden nach ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte einen Ton in der Kehle.

Eines Tages erhielt der Kaiser eine Kiste, auf der geschrieben stand: "Die Nachtigall."

"Da haben wir nun ein neues Buch über unseren berühmten Vogel!" sagte der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein Kunststück, das in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eins der Stücke, die der wirkliche sang, singen, und dann bewegte sich der Schweif auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing ein kleines Band, und darauf stand geschrieben: "Des Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China."

"Das ist herrlich!" sagten alle, und der Mann, der den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Oberhofnachtigallbringer.

"Nun müssen sie zusammen singen! Was wird das für ein Genuß werden!"

Sie mußten zusammen singen, aber es wollte nicht recht gehen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzen. "Der hat keine Schuld", sagte der Spielmeister; "der ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!" Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück wie der wirkliche, und dann war er viel niedlicher anzusehen; er glänzte wie Armbänder und Brustnadeln.

Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde; die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen solle. Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster fort zu ihren grünen Wäldern geflogen war.

"Aber was ist denn das?" fragte der Kaiser; und alle Hofleute schalten und meinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. "Den besten Vogel haben wir doch!" sagten sie, und so mußte der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigste Mal, daß sie dasselbe Stück zu hören bekamen, aber sie konnten es noch nicht ganz auswendig, denn es war sehr schwer. Der Spielmeister lobte den Vogel außerordentlich, ja, er versicherte, daß er besser als die wirkliche Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betreffe, sondern auch innerlich.

Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allen! Bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt; man kann es erklären, man kann ihn aufmachen und das menschliche Denken zeigen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen und wie das eine aus dem andern folgt!"

"Das sind ganz unsere Gedanken!" sagten sie alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntag den Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, befahl der Kaiser, und es hörte ihn, und es wurde so vergnügt, als ob es sich im Tee berauscht hätte, denn das ist ganz chinesisch; und da sagten alle: "Oh!" und hielten den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: "Es klingt hübsch, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, wir wissen nicht was!"

Die wirkliche Nachtigall ward aus dem Lande und Reiche verwiesen.

Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen dicht bei des Kaisers Bett; alle Geschenke, die er erhalten, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem ,Hochkaiserlichen Nachttischsänger' gestiegen, im Range Numero eins zur linken Seite, denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, daß alle Leute sagten, sie haben es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und auf den Leib getrampelt worden.

So ging es ein ganzes Jahr; der Kaiser, der Hof und alle die übrigen Chinesen konnten jeden kleinen Kluck in des Kunstvogels Gesang auswendig, aber gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten; sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie. Die Straßenbuben sangen." Ziziiz! Kluckkluckkluck!" und der Kaiser sang es. Ja, das war gewiß prächtig!

Aber eines Abends, als der Kunstvogel am besten sang und der Kaiser im Bette lag und darauf hörte, sagte es "Schwupp" inwendig im Vogel; da sprang etwas. "Schnurrrr!" Alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still.

Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt rufen. Aber was konnte der helfen? Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Sprechen und Nachsehen brachte er den Vogel etwas in Ordnung, aber er sagte, daß er sehr geschont werden müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik sicher gehe. Das war nun eine große Trauer! Nur einmal des Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war fast schon zuviel, aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede mit schweren Worten und sagte, daß es ebensogut wie früher sei, und dann war es ebensogut wie früher.

Nun waren fünf Jahre vergangen, und das ganze Land bekam eine wirkliche, große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde allesamt große Stücke auf ihren Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht länger leben. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Haushofmeister, wie es seinem alten Kaiser gehe.

"P!" sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.

Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bett. Der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder lief, den neuen Kaiser zu begrüßen, die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu sprechen, und die Kammermädchen hatten große Kaffeegesellschaft. Ringsumher in allen Sälen und Gängen war Tuch gelegt, damit man niemand gehen höre, und deshalb war es sehr still. Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bette mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten, hoch oben stand ein Fenster auf, und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.

Der arme Kaiser konnte kaum atmen, es war gerade, als ob etwas auf seiner Brust säße. Er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod war. Er hatte sich eine goldene Krone aufgesetzt und hielt in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne. Ringsumher aus den Falten der großen Samtbettvorhänge sahen allerlei wunderliche Köpfe hervor, einige ganz häßlich, andere lieblich und mild; das waren des Kaisers gute und böse Taten, die ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.

"Entsinnst du dich dessen?" Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann.

"Das habe ich nie gewußt!" sagte der Kaiser. "Musik, Musik, die große chinesische Trommel", rief er, "damit ich nicht alles zu hören brauche, was sie sagen!"

Aber sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde. "Musik, Musik!" schrie der Kaiser. "Du kleiner herrlicher Goldvogel, singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!"

Aber der Vogel stand still, es war niemand da, um ihn aufzuziehen, sonst sang er nicht, und der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen, leeren Augenhöhlen anzustarren, und es war still, erschrecklich still.

Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang. Es war die kleine, lebendige Nachtigall, die auf einem Zweige draußen saß. Sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu singen; und so wie sie sang, wurden die Gespenster bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte und sagte: "Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!"

"Ja, willst du mir den prächtigen, goldenen Säbel geben?

Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?"

Der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr fort zu singen. Sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tränen der Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster.

"Dank, Dank!" sagte der Kaiser, "du himmlischer, kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reich gejagt, und doch hast du die bösen Geister von meinem Bette weggesungen, den Tod von meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?"

"Du hast mich belohnt!" sagte die Nachtigall. "Ich habe deinen Augen Tränen entlockt, als ich das erstemal sang, das vergesse ich nie; das sind die Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen. Aber schlafe nun und werde stark, ich werde dir vorsingen!"

Sie sang, und der Kaiser fiel in süßen Schlummer; mild und wohltuend war der Schlaf!

Die Sonne schien durch das Fenster herein, als er gestärkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zurückgekehrt; denn sie glaubten, er sei tot; aber die Nachtigall saß noch und sang.

"Immer mußt du bei mir bleiben!" sagte der Kaiser. "Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke."

"Tue das nicht", sagte die Nachtigall, "der hat ja das Gute getan, solange er konnte, behalte ihn wie bisher. Ich kann nicht nisten und wohnen im Schlosse, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe, da will ich des Abends dort beim Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich. Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden; ich werde vom Bösen und Guten singen, was rings um dich her dir verborgen bleibt. Der kleine Singvogel fliegt weit herum zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem um sich. Ich komme und singe dir vor! Aber eins mußt du mir versprechen!"

"Alles!" sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er angelegt hatte, und drückte den Säbel, der schwer von Gold war, an sein Herz. "Um eins bitte ich dich; erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!"

So flog die Nachtigall fort.

Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: "Guten Morgen!"