23. Dezember

Namenstage : Dagobert,Hartmann,Margot,Servulus,Torsten,Victoria und Yvonne

Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit!

Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit!
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt,
der halben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert,
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron' ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unser Not zum End' er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland gross von Tat!

Die sieben Raben

Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sichs auch wünschte; endlich gab ihm seine Frau wieder gute Hoffnung zu einem Kinde, und wies zur Welt kam, war es auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein, und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen: die andern sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie und wußten nicht, was sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach 'gewiß haben sies wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.' Es ward ihm angst, das Mädchen müßte ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er 'ich wollte, daß die Jungen alle zu Raben würden.' Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupt in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf- und davonfliegen.

Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam, und mit jedem Tage schöner ward. Es wußte lange Zeit nicht einmal, daß es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tags von ungefähr die Leute von sich sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte, und wo sie hingeraten wären. Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlaß gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müßte seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Es nahm nichts mit sich als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Nun ging es immerzu, weit weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich, und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er 'ich rieche rieche Menschenfleisch.' Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach 'wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.'

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, und ging wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen SchIüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloß glücklich auf. Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach 'mein Kind, was suchst du?' 'Ich suche meine Brüder, die sieben Raben,' antwortete es. Der Zwerg sprach 'die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.' Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein SchIückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein 'jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.' Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern 'wer hat von meinem Tellerchen gegessen? wer hat aus meinem Becherchen getrunken? das ist eines Menschen Mund gewesen.' Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, daß es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach 'Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.' Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küßten einander, und zogen fröhlich heim.

Wer war die Glücklichste? (Hans Christian Andersen)

"Welch schöne Rosen!" sagte der Sonnenschein.
"Und jede Knospe wird sich entfalten und ebenso schön werden.
Das sind meine Kinder!
Meine Küsse haben sie belebt."
"Meine Kinder sind es", sagte der Tau;
"ich habe sie mit meinen Tränen gesäugt."
"Ich sollte doch meinen, daß ich ihre Mutter sei", sagte die Rosenhecke;
"ihr andern seid nur Gevattern, die nach Vermögen und gutem Willen ein Patengeschenk gaben."
"Meine lieblichen Rosenkinder!" sagten sie alle drei
und wünschten jeder Blume das schönste Glück;
aber eine nur konnte die Glücklichste,
eine mußte die am wenigsten Glückliche werden

- aber welche von ihnen!

"Das will ich schon zu wissen bekommen", sagte der Wind;
"ich jage weit umher, dränge mich in die engste Ritze und weiß außen und innen Bescheid."
Jede der aufgeblühten Rosen hörte,
was gesagt wurde, jede schwellende Knospe vernahm es.
Da kam eine tiefbetrübte liebevolle,
in Trauerkleider gehüllte Mutter in den Garten;
sie pflückte eine von den Rosen, die halb erblüht,
frisch und voll war
und welche ihr die schönste von allen zu sein schien.
Sie trug die Blume in die stille, schweigsame Kammer,
wo vor wenigen Tagen noch die junge, lebensfrohe Tochter sich bewegte, welche jetzt,
einem schlafenden Marmorbilde gleich, in dem schwarzen Sarge lag.
Die Mutter küßte die Tote, küßte darauf die halberblühte Rose
und legte diese auf die Brust des jungen Mädchens,
als ob sie durch ihre Frische und den Kuß der Mutter
ihr Herz wieder schlagen machen könnte.
Die Rose schien zu schwellen; jedes Blatt bebte in freudigen Gedanken.
"Welch ein Weg der Liebe ist mir vergönnt!
Ich werde wie ein Menschenkind,
ich bekomme einen Mutterkuß,
ich empfange ein Segenswort, und ich gehe mit in das unbekannte Reich,
träumend an der Brust der Toten!
Gewiß, ich wurde die Glücklichste von allen meinen Schwestern!"
In den Garten, in welchem der Rosenbusch stand,
ging auch die alte Gärtnerin.
Auch sie betrachtete die Herrlichkeit des Rosenstrauches,
und ihr Auge haftete auf der größten voll erblühten Rose.
Ein Tautropfen und ein warmer Tag - und die Blätter würden fallen.
Das sah die Frau und fand, daß die Rose,
welche den Gipfel ihrer Schönheit erreicht habe,
auch Nutzen bringen müsse. Sie pflückte sie also und legte sie zwischen ein Zeitungsblatt,
um sie mit nach Hause zu andern entblätterten Rosen zu nehmen, um Potpourri davon zu machen,
in Gesellschaft mit den kleinen blauen Burschen,
die man Lavendel nennt, und sie mit Salz einzubalsamieren. Balsamiert,
das werden nur Rosen und Könige.

"Ich werde am höchsten geehrt!" sagte die Rose,
als die Gärtnerin sie pflückte.
"Ich werde die Glücklichste! Ich werde balsamiert werden."

Zwei junge Männer traten in den Garten, der eine war ein Maler,
der andere ein Dichter.
Jeder pflückte eine Rose, schön anzusehen.
Und der Maler gab der Leinwand ein Bild der blühenden Rose,
so treu, daß diese sich im Spiegel zu sehen glaubte.

"So", sagte der Maler, "soll sie viele Menschalter leben,
während Millionen und abermals Millionen
Rosen welken und sterben."

"Ich bin die Begünstigste", sagte die Rose;
"ich gewann das größte Glück!"

Der Dichter betrachtete seine Rose, schrieb ein Gedicht von ihr, eine ganze Mysterie,
alles, was er von jedem einzelnen Blatt der Rose las:
"Das Bilderbuch der Liebe"; es war eine unsterbliche Dichtung.

"Mit ihr bin ich unsterblich", sagte die Rose.
"Ich bin die Glücklichste!"
Unter all der Pracht von Rosen war noch eine,
welche fast vor den andern verborgen saß.
Zufällig - zum Glück vielleicht - hatte sie ein Gebrechen;
sie saß schief auf dem Stengel, und die Blätter der einen Seite entsprachen denen der andern nicht,
ja, mitten aus der Blume heraus wuchs sogar ein kleines, verkrüppeltes grünes Blatt.
Das kommt wohl zuweilen bei Rosen vor.
"Armes Kind", sagte der Wind und küßte ihre Wange.
Die Rose glaubte, da sei ein Gruß, ein Liebesgruß;
sie hatte ein Bewußtsein davon, daß sie etwas anders geschaffen sei als die andern Rosen
und daß ein grünes Blatt mitten aus ihrem Innern herauswachse,
und sie betrachtete das als eine Auszeichnung.
Ein Schmetterling flatterte auf ihre Blätter herab und küßte sie:
das war ein Freier; sie ließ ihn wieder fliegen.
Dann kam ein gewaltig großer Grashüpfer;
der setzte sich richtig genug auf eine andere
Rose und rieb verliebt sein Schienbein
(das ist bei den Grashüpfern ein Liebeszeichen);
die Rose, auf welcher er saß, verstand es nicht,
aber die Rose mit dem auszeichnenden grünen Blatte
in ihrer Mitte verstand es,
denn der Grashüpfer betrachtete sie mit Augen, welche sagten:
"Ich könnte dich vor Liebe fressen!"
Und weiter kann die Liebe doch nicht gehen: einer geht in dem andern auf!
Aber die Rose wollte nicht in dem Springinsfeld aufgehen.
Die Nachtigall sang in der sternenklaren Nacht.
"Die singt für mich allein!" sagte die Rose mit dem Gebrechen oder der Auszeichnung.
Weshalb soll ich vor allen meinen Schwestern so ausgezeichnet werden,
weshalb ward mir diese Auszeichnung, welche mich zu der Glücklichsten macht?"
Da kamen zwei Herren, welche eine Zigarre rauchten,
die sprachen von Rosen und von Tabak.
Rosen sollen den Tabaksrauch nicht vertragen können,
sie sollen die Farbe verändern und grün werden.
Die Herren wollten das versuchen.
Sie mochten keine von den prächtigsten Rosen nehmen,
sie nahmen die Rose, welche das Gebrechen hatte.

"Welche neue Auszeichnung!" rief diese.
"Ich bin über alle Maßen glücklich, die Allerglücklichste!"
Und sie ward grün in Bewußtsein und Tabaksrauch.
Eine Rose, halb noch Knospe,
die Schönste vielleicht am ganzen Rosenbusche,
erhielt den Ehrenplatz in des Gärtners kunstvoll gebundenem Bouquet,
welches dem jungen gebietenden Herrn des Hauses gebracht wurde
und mit ihm im Wagen fuhr.
Sie saß als schönste Blume inmitten andrer Blumen und schönem Grün,
sie kam zu einem glänzenden Feste,
da saßen Männer und Frauen so prächtig beleuchtet
von Tausenden von Lampen,
die Musik erklang, es war im Lichtmeere des Theaters;
und als unter stürmischem Jubel die gefeierte junge Tänzerin
hervor auf die Bühne schwebe,
flog Bouquet auf Bouquet wie ein Blumenregen zu ihren Füßen nieder.
Da fiel das Bouquet, in welchem die schöne Rose,
gleich einem Edelsteine, saß,
sie fühlte ganz ihr namenloses Glück, die Ehre, den Glanz,
in welchem sie hineinschwebte,
und indem sie den Boden berührte, tanzte sie mit, sie sprang,
fuhr über die Bretter hin und brach im Fallen von ihrem Stengel.
Sie kam nicht in die Hände der Huldin, sie rollte hinter die Kulissen,
ein Maschinist nahm sie auf, sah, wie schön sie war, sie lieblich sie duftete,
aber sie hatte keinen Stengel. Er steckte sie in seine Tasche,
und als er abends nach Hause kam, erhielt sie einen Platz in einem Schnapsglase
und lag in demselben die ganze Nacht im Wasser.
Frühmorgens wurde sie vor Großmutter hingestellt,
welche alt und kraftlos im Lehnstuhle saß,
sie betrachtete die geknickte schöne Rose
und freute sich über sie und ihren Duft.
"Ja, du kommst nicht auf den Tisch des reichen feinen Fräuleins,
sondern zu der armen alten Frau; aber hier bist du wie ein ganzer Rosenstrauch, wie schön bist du!"
Und mit kindlicher Freude blickte sie auf die Blume
und gedachte wohl auch ihrer eigenen,
längst entschwundenen frischen Jugendzeit.
"Da war ein Loch in der Fensterscheibe", sagte der Wind,
"ich konnte leicht hineinkommen
und sah die jugendlich strahlenden Augen der alten Frau
und die geknickte schöne Rose in dem Schnapsglase.
Die Glücklichste von allen! Ich weiß das! Ich kann das erzählen!"
Jede Rose von dem Rosenstrauche
des Gartens hatte ihre Geschichte.
Jede Rose glaubte und dachte, die Glücklichste zu sein,
und der Glaube macht selig.
Aber die letzte Rose an dem Strauche war doch die Allerglücklichste,
wie sie meinte.
"Ich überlebte sie alle! Ich bin die Letzte, die Einzige, Mutters liebstes Kind!"
"Und ich bin ihre Mutter", sage die Rosenhecke.
"Das bin ich", sagte der Sonnenschein.
"Und ich", sagten Wind und Wetter.
"Jeder hat teil an ihr!" sagte der Wind.
"Und jeder soll einen Teil von ihr haben";
und damit streute der Wind ihre Blätter hin über die Hecke,
auf welcher die Tautropfen lagen und auf welche die Sonne schien. -
"Auch ich bekam mein Teil", sagte der Wind,
"ich bekam die Geschichte aller Rosen,
die ich nun der ganzen Welt erzählen will.

Sage mir nun, welche war die Glücklichste von allen?

Ja, das mußt du sagen,
ich habe genug gesagt!"

Das Rosenmädchen (Sächsische Volkssage)

Eine Waldfrau hatte einen armen Waisenjungen, der sich verirrt hatte,
mitleidig in ihr Haus genommen und
pflegte ihn wie eine rechte Mutter.
Als er groß war, sagte er eines Tages:
"Mutter, ich muß fort, ich will das Rosenmädchen suchen!"
"Das ist weit, mein Sohn, und wenn du auch dahin gelangen solltest,
so wirst du es dennoch schwer erwerben,
denn es wird von einem Drachen bewacht!"
Der Knabe ließ sich aber nicht länger halten; da gab ihm seine Mutter eine Schelle und sprach:
„Wenn du etwas wünschest, so läute damit!"
Nun ging er lange, lange fort und kam nur einmal zu einem großen Bienenschwarm
und fragte die Bienenmutter, ob sie nicht wisse,
wo das Rosenmädchen wohne.
Das wisse sie nicht, sagte sie, aber sie könne es bald erfahren;
und damit schickte sie alle Bienen aus, um Kundschaft einzuziehen.
Sie kamen zurück und wußten keine Nachricht.
Da zählte sie die Bienenmutter, und es fehlte eine.
Endlich kam auch die; sie war auf dem Wege lahm geworden
und brachte erwünschte Botschaft,
denn sie war gerade bei dem Rosenmädchen gewesen.
Da mußte diese dem Knaben den Weg zeigen.
Sie führte ihn über eine große, große Wiese,
und sie kamen dann an einen Wald.
Am Ende des Waldes wohnte das Rosenmädchen in einem großen Schloß.
Der Knabe verdingte sich nun da als Gänsejunge
und weidete immer in der Nähe des Garten.

Hier sah er das Rosenmädchen jeden Tag, wie es unter den Blumen wandelte,
und es war sehr schön.
Da hörte er, das Rosenmädchen fahre jeden Abend in die Stadt zum Ball.
Als es Abend wurde, nahm er seine Schelle und läutete.
Da stand vor ihm ein kupfernes Roß bereit,
und daneben lag ein kupferner Mantel;
sogleich legte er den Mantel um, setzte sich auf und zog in die Stadt.
Auf dem Balle ging er stets mit dem Rosenmädchen,
und das hatte seine Freude an dem schönen Jungen.
Noch ehe der Ball aus war,
machte er sich heimlich fort,
setzte sich auf sein Roß und ritt heim.
Das Rosenmädchen erzählte seiner Mutter
von dem schönen Jungen im kupfernen Mantel;
dieser aber hütete schon wieder als armer Hirtenknabe die Gänse
und blickte nur verstohlen in den Blumengarten.
Den folgenden Abend zog das Rosenmädchen wieder zum Ball;
der Hirtenjunge schellte abermals, und ein silbernes Roß stand gleich bereit,
und ein silberner Mantel lag daneben.
Er warf den Mantel um und zog in die Stadt auf den Ball;
hier sprach er wieder die ganze Zeit mit dem Rosenmädchen,
und das hatte seine Freude daran.
Noch ehe der Ball aus war, eilte er hinaus,
setzte sich auf sein Roß und flog fort.
Am folgenden Morgen erzählte das Rosenmädchen
abermals seiner Mutter von dem schönen Jungen,
wie er jetzt mit einem silbernen Mantel bekleidet gewesen.
Dieser aber hütete wieder die Gänse
und blickte verstohlen in den Blumengarten.
Die Mutter war begierig, den schönen Jungen kennenzulernen,
und fragte ihre Tochter, ob sie ihn denn nicht gezeichnet hätte.

Das Rosenmädchen sagte: „Nein!"
"So nimm denn zum nächstenmal ein wenig Pech mit,
und wenn er mit dir tanzt,
so wickle es ihm ins Haar."
Am Abend fuhr das Rosenmädchen wieder auf den Ball und nahm Pech mit.
Der Hirtenjunge holte seine Schelle hervor und läutete.
Da stand ein goldnes Pferd bereit, und ein goldner Mantel lag daneben.
Er hüllte sich schnell in den Mantel, schwang sich aufs Roß
und war bald in der Stadt.
Auf dem Ball ging er gleich wieder zum Rosenmädchen und tanzte mit ihm;
da wickelte es ihm ein wenig Pech ins Haar.
Als der Ball zu Ende ging, eilte er hinaus, schwang sich auf sein Roß
und war bald daheim.
Am Morgen erzählte das Rosenmädchen wieder seiner Mutter
von dem schönen Jungen,
wie er jetzt in einen goldnen Mantel gehüllt gewesen
und wie sie ihm während des Tanzes Pech ins Haar gewickelt habe.
Der Gänsejunge sah wieder verstohlen durch die Gartenhecke.
Wie er aber gegen Mittag nach Hause kam,
sah das Mädchen ihn lange an und merkte,
daß das Haar verstrauft war.
"Du bist unser Retter!" rief sie endlich voll Freude.
"Das will ich gerne sein!" rief der Junge. Die Mutter sprach:
"Auf denn, daß wir entfliehen, noch schläft der Drache;
erwacht er aber bald, so sind wir verloren!"
Da ging der Hirtenjunge hinaus und schellte dreimal:
sogleich stand das kupferne, silberne und goldne Pferd bereit.
Das Rosenmädchen setzte er auf das goldne
und legte ihr den goldnen Mantel um,
die Mutter auf das silberne und gab ihr den silbernen Mantel;
er schwang sich auf das kupferne und hüllte sich in den kupfernen Mantel,
und jetzt sprengten sie zusammen fort.
Im Schlosse aber lag ein mächtiges Faß mit drei eisernen Reifen.
Darin schlief der Drache seinen Jahresschlaf. Der war gerade zu Ende.
Nur einmal sprang ein Reif, bald sprang der zweite
und der dritte und krachte jedesmal so gewaltig wie ein Donnerschlag.
Jetzt rieb sich der Drache die Augen und sah um sich.
„Wo ist mein Rosenmädchen ?"
Aber es antwortete niemand.
Da sprang er auf und sah in allen Zimmern nach und im Garten,
und es war niemand da;
nun eilte er in den Stall,
nahm seinen Fohlenhengst, schwang sich auf denselben und sprach:
„Nun trage mich flugs zum Räuber hin!"
Es dauerte nicht lange, so hatte er die Fliehenden erreicht.
Sie waren gleich wie auf der Stelle gebannt und konnten nicht weiter.
Da sprach der Drache:
"Ich könnte dich, du kleiner Erdenwurm, zerschmettern,
allein das brächte mir wenig Ruhm!"
Da nahm er dem Knaben die Schelle, die drei Rosse,
das goldne und silberne mit dem Rosenmädchen
und seiner Mutter und zog zurück.
Noch sah er einmal zurück und höhnte den Knaben:

"Du könntest das Rosenmädchen wohl erlösen, wenn du ein Roß,
wie ich, von meiner Mutter bekämest;
allein das wird nie und nimmer geschehen!"
Damit zog er heim und legte sich wieder in sein Faß zum Jahresschlaf,
und die eisernen Ringe legten sich von selbst darum.
Das Rosenmädchen und seine Mutter waren nun wieder einsam;
es pflegte am Tage die Blumen,
und abends zog es nicht mehr auf den Ball,
sondern dachte immer an seinen Retter.
Der Knabe aber ging immerfort und suchte die Mutter des Drachen.
Da sah er einen Raben, der hatte sich in ein Netz verstrickt;
der bat den Knaben, er möge ihm heraushelfen,
er werde ihm's einmal vergelten.
Der Knabe machte ihn frei, und der Vogel flog fort.
Wie er weiter kam, sah ihn ein Fuchs,
der steckte in einer Falle und konnte nicht fortkommen.
„Hilf mir!" sprach dieser, „ich will dir's vergelten!"
Der Junge machte ihn frei, und der Fuchs lief in den Wald.
Da kam der Knabe zum Meeresufer,
und hier zappelte ein großer Fisch auf dem Trocknen.
„Setze mich ins Wasser! ich will dir's vergelten!"
Der Knabe tat es, und bald sah er ein Häuschen im Wald;
hier wohnte die Mutter des Drachen.
Er ging hinein und fragte, ob sie ihn in den Dienst nehmen wolle.
"Ei, jawohl, du sollst mir meine Stute hüten! Was soll ich dir geben aufs Jahr" sprach die Alte.
"Nur ein Füllen!" sagte der Knabe.
"Es sei!" erwiderte die Alte,
"bringst du mir aber abends die Stute einmal nicht heim,
so ist es mit deinem Leben am Ende."
Die Hexe hatte schon viele in den Dienst genommen und hatte alle umgebracht.
Da zog am Morgen der Knabe mit der Stute aufs Feld;
bald aber war sie aus seinen Augen,
und er suchte sie bis gegen Abend und konnte sie nicht finden.
Da sah er den Vogel und sprach:
"Hilf mir, wenn du kannst", und erzählte ihm, was ihn bekümmere.
Da sagte der Rabe gleich:
"Die Stute ist in den Wolken und hat gefüllent,
komm, setze dich auf meinen Hals, ich führe dich hin!"
Das tat er denn und brachte so die Stute und das Füllen nach Hause,
und die Alte verwunderte sich.
Am folgenden Morgen, wie er sie hinaustrieb, ging es ihm wieder so;
die Stute war mit dem Füllen auf einmal verschwunden,
und er suchte sie bis gegen Abend und konnte sie nicht finden.
Da traf er den Fuchs und klagte ihm seine Not.
Der Fuchs sprach gleich:
"Sie ist in der Berghöhle und hat da gefüllent, komm,
setze dich auf meinen Schwanz,
ich will dich hinführen!"
Das tat er, und nun kam er durch ein Fuchsloch in die Höhle
und trieb die Stute und die zwei Füllen nach Hause.
Die Hexe machte wieder große Augen.
Am dritten Tage, wie er die Stute und die zwei Füllen austrieb,
waren sie gleich wieder vor seinen Augen verschwunden;
er suchte sie bis gegen den Abend und fand sie nicht.
Da kam er auch ans Meer und sah betrübt ins Wasser.
Nur einmal kam der große Fisch herauf geschwommen
und fragte ihn, warum er so traurig sei,
und der Knabe erzählte seine Not.
"Sie ist auf dem Meeresgrunde und hat da gefüllent;
ich will dich aber gleich hinführen!"
Da nahm ihn der Fisch in seinen Mund und führte ihn hinab,
und so trieb er die Stute und die drei Füllen nach Hause.
Die Alte verwunderte sich und wußte nicht, wie das zuginge.
Sie konnte nun die Stute und die Füllen nirgends mehr verbergen,
und so weidete sie der Knabe auf dem Felde, bis das Jahr um war.
Da sagte sie:
"Jetzt wähle dir ein Füllen!" und er nahm sich das älteste;
das war eine schöne Stute geworden.

Darauf ritt er hin, um das Rosenmädchen zu befreien.
Kaum war er in der Nähe, so fing seine Stute an zu wiehern.
Das hörte der Fohlenhengst des Drachen im Stall und fing auch an zu wiehern und zu stampfen,
daß alles erbebte.
Darüber erwachte der Drache im Fasse, denn es war auch das Jahr gerade zu Ende.
Die drei Reifen sprangen mit großem Knall nacheinander ab;
er hörte das Wiehern, sprang auf und lief in den Stall.
Aber der Fohlenhengst hatte sich schon losgerissen und wollte zur Stute laufen.
Da faßte ihn der Drache an den Mähnen
und schwang sich auf seinen Rücken und wollte ihn bändigen;
der aber bäumte sich gewaltig;
der Drache stürzte herunter, und nun zerstampfte ihn der wilde Hengst unter seinen Füßen,
daß er gleich tot war. Dann sprengte er über die Schloßmauer und lief der Stute nach.
Als aber der Knabe am Schlosse ngelangt war, sprang er gleich ab
und stieg über die Gartenhecke hinüber und grüßte und empfing das Rosenmädchen.
Seine Stute war gleich umgekehrt und lief zur Alten zurück
und der Fohlenhengst hinter ihr her und konnte sie nicht erreichen,
bis sie bei der alten Stute und den beiden andern Füllen war.
Der Knabe war nun Herr vom Schloß und hatte auch seine Schelle und die drei Wunderrosse wieder.
Darauf hielt er Hochzeit mit dem Rosenmädchen und lebte herrlich und in Frieden.